Ein Diabetiker über seine Liebe zu Süßigkeiten, die Milliardenkosten unserer Ernährung und die Frage, wie viel uns die Gesundheit unserer Gesellschaft tatsächlich wert ist.
Mir ist durchaus bewusst, dass ich mit diesem Artikel und insbesondere mit meinen Gedanken und möglichen Forderungen polarisieren werde. Vielleicht werde ich damit sogar einige Menschen ganz bewusst provozieren.
Aber manchmal muss man unbequeme Fragen stellen. Gerade dann, wenn es um unsere Gesundheit, gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche Interessen geht.
Und eine solche Frage beschäftigt mich seit einigen Tagen ganz besonders.
Deutschland bekommt voraussichtlich eine Zuckersteuer. Am 14. Oktober 2026 hat die Bundesregierung entsprechende Pläne auf den Weg gebracht. Einen Tag später beschloss der Bundestag eine weitere deutliche Erhöhung der Tabaksteuer.
Beide Maßnahmen werden unter anderem mit dem Gesundheitsschutz begründet.
Während beim Tabak jedoch seit Langem umfangreiche staatliche Eingriffe akzeptiert werden, beschränkt sich die geplante Zuckersteuer auf bestimmte Getränke.
Aber warum eigentlich?
Ist Zucker in Süßigkeiten weniger problematisch als Zucker in Getränken? Sind Gebäck, Schokolade und Weingummi plötzlich ernährungsphysiologisch unbedenklich?
Oder ist die tatsächliche Frage vielleicht eine ganz andere: Wie weit sind wir als Gesellschaft bereit zu gehen, wenn Gesundheitsschutz wirtschaftliche Interessen berührt?
Bevor ich versuche, diese Fragen wissenschaftlich zu beantworten, möchte ich allerdings etwas Persönliches erzählen.
Ich bin eine Naschkatze. Und ich bin Diabetiker.
Ich liebe Süßigkeiten.
Weingummi, Schokolade, Muffins – ich bin eine echte Naschkatze. Und das ist keineswegs nur eine niedliche Selbstbeschreibung.
Es gab Zeiten, da gehörten eine Tüte Weingummi, Schokolade und weitere Snacks fast jeden Abend zu meinem Alltag. Nicht ein bisschen Naschen zwischendurch, sondern Mengen, bei denen mir heute durchaus bewusst ist, dass sie alles andere als gesund waren.
Inzwischen habe ich Diabetes.
Mein HbA1c-Wert war bei der Diagnose erheblich erhöht. Dass meine damaligen Ernährungsgewohnheiten dazu beigetragen haben dürften, erscheint mir sehr plausibel.
Natürlich entsteht Typ-2-Diabetes nicht ausschließlich dadurch, dass jemand zu viele Süßigkeiten isst. Genetische Veranlagung, Körperfettverteilung, körperliche Aktivität, Insulinresistenz und weitere Faktoren spielen eine Rolle.
Aber ich muss mir auch nichts schönreden.
Heute habe ich meine Ernährung grundlegend verändert, beschäftige mich intensiv mit Nährwerten, reduziere meine Kohlenhydrataufnahme und treibe regelmäßig Sport.
Eines möchte ich dabei ausdrücklich betonen: Meine Liebe zu Süßigkeiten ist deshalb nicht verschwunden.
Ich habe lediglich gelernt, bewusster damit umzugehen.
Und jetzt kommt etwas Entscheidendes:
Gezuckerte Getränke waren bei mir nie das eigentliche Problem.
Ich trinke überwiegend Wasser. Vielleicht gibt es sonntags mal einen Saft. Eine Steuer auf Limonaden und Energydrinks hätte mein früheres Ernährungsverhalten wahrscheinlich überhaupt nicht verändert.
Deshalb finde ich eine Zuckersteuer auf Getränke nicht falsch.
Ich frage mich nur, warum wir ausgerechnet dort aufhören.
Die neue Zuckersteuer: Ein Anfang, aber keine Gesamtlösung
Nach den Plänen der Bundesregierung soll ab dem 1. Juli 2027 eine zweistufige Steuer auf bestimmte zuckerhaltige Getränke gelten:
- Ab fünf Gramm Zucker je 100 Milliliter: 26 Cent pro Liter.
- Ab acht Gramm Zucker je 100 Milliliter: 32 Cent pro Liter.
Betroffen wären unter anderem Limonaden, Energydrinks, Eistees und bestimmte Fruchtnektare. Reine Fruchtsäfte, Milch und verschiedene pflanzliche Drinks sollen dagegen ausgenommen bleiben. Auch kleinere Hersteller sollen unter bestimmten Voraussetzungen eine Ausnahme erhalten.
Das endgültige Gesetzgebungsverfahren steht noch aus. [1, 2]
Für 2028 rechnet die Bundesregierung mit Einnahmen von rund 925 Millionen Euro jährlich.
Auf die rund 83,5 Millionen Einwohner Deutschlands umgerechnet sind das etwa 11 Euro pro Einwohner und Jahr.
Diese Einnahmen sollen zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung beitragen. Die Regierung verfolgt damit also ausdrücklich sowohl gesundheitspolitische als auch finanzielle Ziele.
Und grundsätzlich finde ich daran nichts Verwerfliches.
Wenn wir mit einer Steuer den Zuckerkonsum reduzieren, langfristig Erkrankungen verhindern und gleichzeitig unser Gesundheitssystem entlasten können, ist das zunächst einmal eine vernünftige Überlegung.
Aber schauen wir uns an, woher unser Zucker eigentlich stammt.
Süßigkeiten: Eine der größten Zuckerquellen wird verschont
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, die Deutsche Diabetes Gesellschaft und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft haben 2018 gemeinsam Empfehlungen zum Zuckerkonsum veröffentlicht.
Darin werden folgende Anteile an der Aufnahme sogenannter freier Zucker in Deutschland genannt:
36 Prozent: Süßwaren
26 Prozent: Fruchtsäfte und Nektare
12 Prozent: Limonaden
Die Daten beruhen auf älteren Verzehrerhebungen und sind keine aktuelle Bestandsaufnahme für 2026. Das ist wichtig, um diese Zahlen korrekt einzuordnen. [3]
Trotzdem zeigen sie etwas Bemerkenswertes: Süßwaren waren in diesen Erhebungen die größte der genannten Zuckerquellen.
Dabei reden wir keineswegs ausschließlich über offensichtliche Süßigkeiten. Auch Frühstückscerealien, gesüßte Milchprodukte, Backwaren und andere verarbeitete Lebensmittel können erhebliche Mengen Zucker enthalten.
Eine Untersuchung der Universität Bonn aus dem Jahr 2024 bestätigt, dass Süßigkeiten bei Kindern und Jugendlichen weiterhin eine wichtige Rolle spielen.
Für die DONALD-Studie wurden 4.218 Ernährungsprotokolle von 751 Kindern und Jugendlichen aus den Jahren 2010 bis 2023 ausgewertet.
Zwar sank die Aufnahme freier Zucker im Untersuchungszeitraum, sie lag aber weiterhin über den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation.
Die Forschenden stellten ausdrücklich die Frage, ob Maßnahmen zur Zuckerreduktion künftig nicht auch Süßwaren stärker berücksichtigen sollten. [4]
Das ist für mich der entscheidende Punkt.
Meine Frage ist also keineswegs nur die persönliche Meinung eines Diabetikers. Sie wird auch in der Ernährungsforschung gestellt.
Und warum dürfen Fruchtsäfte weiterhin so viel Zucker enthalten?
An dieser Stelle wird die politische Entscheidung für mich noch weniger nachvollziehbar.
Reine Fruchtsäfte sollen von der neuen Steuer ausgenommen bleiben.
Dabei können sie ähnlich viel Zucker enthalten wie Limonaden.
Natürlich gibt es Unterschiede. Fruchtsäfte enthalten Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. Das ist durchaus positiv.
Aber die Weltgesundheitsorganisation zählt den Zucker in Fruchtsäften dennoch zu den freien Zuckern, deren Aufnahme begrenzt werden sollte.
Der Zucker in ganzen, unverarbeiteten Früchten wird anders bewertet. Denn eine ganze Frucht enthält unter anderem ihre natürliche Zellstruktur und Ballaststoffe, die beim Entsaften weitgehend verloren gehen.
Und dann wäre da noch die Fruktose, der sogenannte Fruchtzucker.
Fruktose wird im Körper anders verstoffwechselt als Glukose. Darm und Leber spielen dabei eine wichtige Rolle. Eine übermäßige Zufuhr fruktosehaltiger Zucker kann insbesondere bei zusätzlicher Energieaufnahme die Bildung und Einlagerung von Leberfett fördern.
Allerdings wäre es wissenschaftlich falsch, zu behaupten, Fruktose werde grundsätzlich direkt oder leichter in Körperfett umgewandelt. Kontrollierte Untersuchungen zeigen, dass die Energiebilanz und die jeweilige Lebensmittelquelle entscheidend sind. [5]
Ein gelegentliches Glas Fruchtsaft ist deshalb keineswegs automatisch schädlich.
Aber weshalb der Zucker in einem Getränk besteuert werden soll und in einem anderen nicht, verdient zumindest eine nachvollziehbare gesundheitspolitische Begründung.
Zumal eine deutsche Modellierungsstudie aus dem Jahr 2023 darauf hindeutet, dass die Einbeziehung von Fruchtsäften zusätzliche gesundheitliche Vorteile bringen könnte. [6]
Zucker – die legale Droge?
Kommen wir zur bewusst provokanten Frage aus meiner Überschrift.
Ist Zucker tatsächlich eine Droge?
Die kurze Antwort lautet: So einfach ist es nicht.
Unser Gehirn besitzt ein Belohnungssystem. Angenehme Erfahrungen – darunter auch der Genuss süßer Lebensmittel – aktivieren neuronale Prozesse, die dazu beitragen können, dass wir bestimmte Verhaltensweisen wiederholen möchten.
Wir Menschen haben zudem eine teilweise angeborene Vorliebe für süßen Geschmack.
Und natürlich können sich Essgewohnheiten entwickeln, die sich nur schwer wieder verändern lassen.
Wer kennt nicht den Gedanken, eigentlich genug gegessen zu haben, und trotzdem noch einmal zur Schokolade zu greifen?
Als Naschkatze ist mir dieses Verhalten durchaus vertraut.
Aber daraus folgt nicht automatisch, dass Zucker eine Suchtdroge wie Nikotin ist.
Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit von Westwater und Kollegen aus dem Jahr 2016 kam zu dem Ergebnis, dass die Belege für eine eigenständige Zuckersucht beim Menschen nicht überzeugend sind. Viele der häufig angeführten Erkenntnisse stammen aus Tierversuchen, deren Übertragbarkeit begrenzt ist.
Untersucht wird allerdings auch, ob bestimmte hochverarbeitete Lebensmittel suchtähnliche Essmuster begünstigen können. [7]
Die Unterscheidung ist wichtig.
Eine Zigarette und ein Stück Schokolade sind gesundheitlich nicht gleichzusetzen. Für Tabakrauchen gibt es kein gesundheitlich unbedenkliches Konsumniveau. Zucker hingegen kann in moderaten Mengen Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung sein.
Aber muss Zucker tatsächlich eine anerkannte Suchtdroge sein, bevor wir über wirksame gesetzliche Maßnahmen gegen übermäßigen Konsum sprechen dürfen?
Ich denke nicht.
Und genau deshalb lohnt sich der Vergleich mit Tabak.
Tabaksteuer rauf – bei Zucker bleiben wir vorsichtig
Am 15. Oktober 2026 beschloss der Deutsche Bundestag eine weitere stufenweise Erhöhung der Tabaksteuer. Die abschließende parlamentarische Umsetzung ist damit noch nicht in allen Schritten abgeschlossen.
Die neuen Steuersätze sollen über mehrere Jahre steigen.
Nach der im Finanzausschuss überarbeiteten Berechnung erwartet der Bund dadurch im Jahr 2030 zusätzliche jährliche Steuereinnahmen von rund 4,46 Milliarden Euro.
Das entspricht rechnerisch etwa 53 Euro pro Einwohner Deutschlands und Jahr. [8]
Bei der Tabaksteuer werden zwei Ziele offen verfolgt: zusätzliche Staatseinnahmen und weniger Tabakkonsum.
Und die Forschung bestätigt grundsätzlich, dass höhere Tabakpreise den Konsum reduzieren können.
Natürlich ist der Vergleich zwischen Tabak und Zucker nur begrenzt möglich. Rauchen hat eine andere gesundheitliche Risikostruktur, und Lebensmittel sind für unser Leben unverzichtbar.
Trotzdem gibt es eine Gemeinsamkeit:
In beiden Fällen kann der Staat die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändern, um gesundheitlich erwünschtes Verhalten zu fördern.
Beim Tabak akzeptieren wir das seit Jahrzehnten.
Dort greifen wir auch mit Werbebeschränkungen, Jugendschutz und weiteren gesetzlichen Regelungen ein.
Warum sollten wir bei besonders zuckerreichen Lebensmitteln nicht zumindest ähnlich konsequent über geeignete Maßnahmen nachdenken?
Nicht zwingend über dieselben Maßnahmen.
Aber über denselben gesundheitspolitischen Anspruch.
Eigenverantwortung allein funktioniert offensichtlich nicht ausreichend
Ein Argument begegnet mir in solchen Diskussionen immer wieder:
Jeder Mensch sei schließlich selbst dafür verantwortlich, was er isst.
Ja, natürlich.
Auch ich trage Verantwortung für mein eigenes Ernährungsverhalten.
Aber wir sprechen hier über ein gesellschaftliches Problem, nicht nur über einzelne Personen.
Das Robert Koch-Institut veröffentlichte 2025 Daten zur Entwicklung der Adipositas in Deutschland.
Zwischen 2003 und 2023 stieg der Anteil Erwachsener mit Adipositas in den untersuchten Befragungsdaten von 12,2 auf 19,7 Prozent. [9]
Ein erheblicher Anstieg innerhalb von zwei Jahrzehnten.
Natürlich lässt sich daraus nicht ableiten, dass allein Zucker dafür verantwortlich ist. Adipositas ist eine komplexe, multifaktoriell bedingte Erkrankung.
Aber die Zahlen zeigen, dass die bisherigen Bedingungen den Anstieg nicht verhindert haben.
Wir leben in einer Umgebung, in der kalorienreiche, stark beworbene Lebensmittel jederzeit verfügbar sind. Die gesündere Entscheidung ist keineswegs immer die günstigere, bequemere oder naheliegendste.
Und dann erwarten wir, dass Millionen Menschen dauerhaft allein durch Selbstdisziplin gegen diese Rahmenbedingungen ankommen?
Für einzelne Menschen mag das funktionieren.
Aber als alleinige Strategie für eine ganze Gesellschaft ist mir das entschieden zu wenig.
Wenn die Bedingungen gesundheitlich problematisches Verhalten begünstigen, sollten wir nicht ausschließlich versuchen, die Menschen zu verändern. Wir sollten auch die Bedingungen verändern.
Das ist keine Abschaffung der Eigenverantwortung.
Es ist die Anerkennung, dass Menschen ihre Entscheidungen nicht unabhängig von ihrer Umwelt treffen.
Was uns die Folgen von Adipositas und Diabetes kosten
Und damit kommen wir zu einem besonders wichtigen Punkt.
Wir diskutieren häufig darüber, welche wirtschaftlichen Nachteile eine Zuckersteuer oder andere gesetzliche Eingriffe verursachen könnten.
Aber was kostet es uns eigentlich, wenn wir nichts verändern?
Adipositas und Diabetes können mit zahlreichen Folge- und Begleiterkrankungen verbunden sein: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfällen, Nierenerkrankungen, Nervenschäden und Stoffwechselstörungen.
Sie können die Lebensqualität erheblich einschränken, langfristige Behandlungen erforderlich machen und im schlimmsten Fall die Lebenserwartung verkürzen.
Eine im Oktober 2026 veröffentlichte deutsche Versorgungsstudie untersuchte dazu Daten von rund zehn Millionen gesetzlich Versicherten und rechnete ihre Ergebnisse auf Deutschland hoch.
Die Forschenden ermittelten für 2024 rund 8,8 Milliarden Euro Behandlungskosten für untersuchte Folge- und Begleiterkrankungen, die statistisch der Adipositas zugerechnet wurden. [10]
Um das greifbarer zu machen:
Bei rund 83,6 Millionen Einwohnern im Jahr 2024 sind das rechnerisch 105 Euro pro Einwohner und Jahr.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jeder Mensch persönlich 105 Euro bezahlt. Es ist ein gesellschaftlicher Durchschnittswert.
Wichtig ist auch: Die Summe ist weder eine vollständige Kostenrechnung aller Folgen von Adipositas und Diabetes noch eine Schätzung dessen, was sich allein durch weniger Zucker einsparen ließe.
Trotzdem verdeutlicht sie die Dimension.
Und die Milliardenbeträge erzählen nur einen Teil der Geschichte.
Hinter jeder chronischen Erkrankung steht ein Mensch. Jemand, der möglicherweise Medikamente benötigt, mit Einschränkungen lebt, langfristig behandelt werden muss oder beruflich und privat weniger belastbar ist.
Nicht jede dieser Erkrankungen wäre vermeidbar. Aber jede tatsächlich verhinderte Erkrankung bedeutet mehr als nur eingespartes Geld.
Was könnten wir durch bessere Prävention einsparen?
Eine 2023 in PLOS Medicine veröffentlichte Studie modellierte die möglichen Folgen verschiedener Getränkesteuern in Deutschland für die Jahre 2023 bis 2043.
Je nach untersuchtem Steuermodell könnten ungefähr 132.000 bis 244.000 Typ-2-Diabetesfälle verhindert oder hinausgezögert werden.
Die geschätzten gesamtgesellschaftlichen Einsparungen lagen bei rund 9,6 bis 16 Milliarden Euro über 20 Jahre. [6]
Umgerechnet auf 83,5 Millionen Einwohner wären das:
115 bis 192 Euro pro Einwohner über 20 Jahre, also durchschnittlich etwa 6 bis 10 Euro pro Einwohner und Jahr.
Diese Beträge umfassen nicht nur Behandlungskosten, sondern je nach Modell auch weitere gesellschaftliche Kosten. Sie sind deshalb nicht mit den zuvor genannten 8,8 Milliarden Euro direkt vergleichbar.
Und besonders wichtig: Das sind Modellprognosen, keine nachgewiesenen realen Einsparungen. Außerdem wurden andere Steuermodelle untersucht als der aktuelle deutsche Vorschlag.
Dennoch zeigen sie, dass Prävention nicht nur gesundheitlich, sondern auch wirtschaftlich relevant sein kann.
Doch erneut stellt sich meine Frage:
Was könnten wir zusätzlich erreichen, wenn wir nicht ausschließlich Getränke betrachten würden?
Mexiko zeigt, dass man auch Süßigkeiten besteuern kann
Mexiko führte bereits 2014 neben einer Steuer auf zuckerhaltige Getränke eine zusätzliche Steuer von acht Prozent auf bestimmte besonders energiedichte Lebensmittel ein.
Darunter fielen unter anderem Süßigkeiten, Schokolade, Eiscreme und salzige Snacks.
Eine Untersuchung über die ersten beiden Jahre ergab einen durchschnittlichen Rückgang der Käufe besteuerter Lebensmittel um etwa sechs Prozent gegenüber der geschätzten Entwicklung ohne Steuer. [11]
Das ist durchaus bemerkenswert.
Aber auch hier dürfen wir Ursache und Wirkung nicht zu stark vereinfachen.
Weniger gekaufte Snacks bedeuten nicht automatisch entsprechend weniger Adipositas oder Diabetes. Menschen können auf andere Lebensmittel ausweichen. Außerdem beeinflussen zahlreiche weitere Faktoren die Ernährung.
Dennoch zeigt Mexiko, dass eine Besteuerung jenseits von Getränken praktisch möglich ist und das Kaufverhalten verändern kann.
Wie groß die langfristigen gesundheitlichen und finanziellen Vorteile einer vergleichbaren Regelung in Deutschland wären, müsste gesondert untersucht werden.
Und was ist mit den Unternehmen und Arbeitsplätzen?
An dieser Stelle möchte ich eine Gegenposition ausdrücklich ernst nehmen.
Denn mir ist bewusst, dass umfassendere gesetzliche Vorgaben wirtschaftliche Konsequenzen haben können.
Wenn der Staat den Konsum bestimmter Lebensmittel gezielt reduzieren möchte, könnten Hersteller Umsatzeinbußen erleiden. Händler, Zulieferer und kleinere Betriebe wären möglicherweise ebenfalls betroffen.
Unternehmen müssten ihre Rezepturen verändern, Produktionsprozesse anpassen oder neue Produkte entwickeln.
Das kostet Geld.
Und im ungünstigsten Fall könnten dadurch auch Arbeitsplätze oder einzelne Unternehmen gefährdet werden.
Diese Sorgen sind legitim.
Allerdings sollten wir auch hier auf die Forschung schauen.
Eine Untersuchung aus Mexiko fand nach Einführung der dortigen Getränke- und Lebensmittelsteuern keine statistisch signifikanten Beschäftigungsverluste in den untersuchten Produktionsbranchen.
Eine breitere wissenschaftliche Übersicht zu den wirtschaftlichen Auswirkungen solcher Steuern zeigt dagegen ein uneinheitliches Bild: Während einige Modellrechnungen Arbeitsplatzverluste vorhersagten, konnten andere Untersuchungen solche Effekte nicht nachweisen. [12, 13]
Die bisherigen Daten rechtfertigen also weder die Behauptung, eine erweiterte Zuckersteuer würde massenhaft Arbeitsplätze vernichten, noch das Versprechen, wirtschaftliche Nachteile seien ausgeschlossen.
Wir müssen sie untersuchen und bei der Gesetzgebung berücksichtigen.
Aber daraus ergibt sich für mich eine viel grundsätzlichere Frage:
Wollen wir Konsum und wirtschaftliches Wachstum wirklich um jeden Preis schützen? Selbst dann, wenn damit erhebliche gesundheitliche Belastungen für unsere Gesellschaft verbunden sind?
Ich möchte unsere Marktwirtschaft keineswegs abschaffen oder Unternehmen pauschal zum Feind erklären.
Doch in einer sozialen Marktwirtschaft sollten wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung miteinander vereinbar sein.
Der Schutz von Arbeitsplätzen ist wichtig.
Der Schutz menschlicher Gesundheit ebenfalls.
Und das sollte kein unauflösbarer Widerspruch sein.
Vielleicht brauchen wir gar keine weitere Steuer
Je länger ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto mehr frage ich mich allerdings, ob eine Steuer überhaupt das einzige oder beste Instrument ist.
Warum setzen wir nicht viel stärker auf verbindliche Vorgaben für die Zusammensetzung von Lebensmitteln?
Beispielsweise könnten gesetzliche Zuckerobergrenzen für bestimmte Produktgruppen festgelegt oder schrittweise abgesenkt werden.
Natürlich wäre ein pauschaler Grenzwert für sämtliche Lebensmittel unsinnig.
Zucker beeinflusst nicht nur den Geschmack, sondern teilweise auch Konsistenz, Haltbarkeit und Produkteigenschaften.
Deshalb bräuchten wir wissenschaftlich begründete, technisch erreichbare und nach Produktgruppen abgestufte Regelungen.
Dass so etwas grundsätzlich untersucht werden kann, zeigt das Max Rubner-Institut. Es schlug 2025 unter anderem Reduktionsziele von 15 Prozent für Cola- und Colamischgetränke sowie zehn Prozent für bestimmte Kuchen- und Kekssorten vor. [14]
Das sind bislang vorgeschlagene Ziele und keine gesetzlichen Obergrenzen.
Aber wissenschaftliche Untersuchungen zu verbindlichen Rezepturänderungen liefern interessante Hinweise.
Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 fand, dass verpflichtende Maßnahmen insgesamt erfolgreicher waren als freiwillige Vereinbarungen. Allerdings bezogen sich die meisten verbindlichen Regelungen auf Salz und industrielle Transfette. Die Erkenntnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf Zucker übertragen. [15]
Großbritannien bietet einen weiteren interessanten Vergleich.
Dort sollte die Lebensmittelindustrie den Zuckergehalt bestimmter Lebensmittel freiwillig um 20 Prozent reduzieren.
Zwischen 2015 und 2020 sank der verkaufsgewichtete durchschnittliche Zuckergehalt der erfassten Lebensmittel jedoch nur um etwa 3,5 Prozent.
Bei den von der britischen Getränkesteuer erfassten Erfrischungsgetränken ging der entsprechende Zuckergehalt im selben Zeitraum dagegen um rund 46 Prozent zurück. [16]
Die Ergebnisse sind nicht direkt vergleichbar, denn es handelt sich um unterschiedliche Produktgruppen und Maßnahmen.
Dennoch liefern sie einen wichtigen Hinweis: Wie verbindlich und wirtschaftlich wirksam Vorgaben sind, kann für die Reaktion der Hersteller entscheidend sein.
Warum also nicht zusätzlich verbindliche, schrittweise Reduktionsziele für geeignete Lebensmittel prüfen?
Damit würden wir nicht nur versuchen, Menschen durch höhere Preise von bestimmten Produkten abzuhalten.
Wir könnten das Angebot selbst verändern.
Dabei müsste selbstverständlich verhindert werden, dass Hersteller lediglich Zucker gegen andere problematische Zutaten austauschen, ohne die ernährungsphysiologische Qualität zu verbessern.
Und genau deshalb halte ich eine wissenschaftlich begleitete Regulierung für so interessant.
Spielt die Lebensmittellobby eine Rolle?
Natürlich darf auch die Frage nach wirtschaftlichen Interessen nicht fehlen.
Dass sich Lebensmittel- und Zuckerindustrie gegen zusätzliche Steuern einsetzen, ist dokumentiert.
Im offiziellen Lobbyregister des Deutschen Bundestages findet sich beispielsweise ein Regelungsvorhaben des Vereins der Zuckerindustrie mit dem ausdrücklichen Ziel, eine Zuckersteuer abzulehnen. Entsprechende Stellungnahmen wurden im April 2026 an die Bundesregierung und Bundestagsabgeordnete verschickt. [17]
Das ist legitime Interessenvertretung.
Aber sie ist eben auch eine Interessenvertretung.
Die Position eines Branchenverbandes ist nicht automatisch identisch mit dem gesellschaftlichen Interesse an möglichst wirksamer Gesundheitsprävention.
Genauso wenig beweist die Existenz solcher Lobbyarbeit, dass die aktuelle Beschränkung der Zuckersteuer auf Getränke durch diese Verbände verursacht wurde.
Diesen Vorwurf könnte man ohne weitere Belege nicht seriös erheben.
Aber die Frage bleibt berechtigt:
Welchen Einfluss haben wirtschaftliche Interessen auf die Entscheidung, welche Lebensmittel reguliert werden und welche nicht?
Hier würde ich mir vor allem mehr Transparenz wünschen.
Gesundheit darf keine Frage des Geldbeutels sein
Eine letzte Überlegung ist mir besonders wichtig.
Wenn wir ungesunde Lebensmittel lediglich verteuern, treffen wir damit möglicherweise gerade Menschen mit geringem Einkommen besonders stark.
Das kann nicht das Ziel einer verantwortungsvollen Gesundheitspolitik sein.
Deshalb halte ich es für notwendig, über Steuern hinauszudenken.
Gesunde Grundnahrungsmittel sollten günstiger und leichter zugänglich werden. Ernährungsbildung müsste gestärkt, Lebensmittelwerbung gegenüber Kindern kritisch reguliert und die Wirkung gesetzlicher Maßnahmen unabhängig überprüft werden.
Auch die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, Steuern auf gesundheitlich problematische Produkte gemeinsam mit finanziellen Anreizen für eine gesündere Ernährung zu betrachten. [18]
Für mich wäre das der wesentlich bessere Weg:
Nicht ausschließlich ungesunde Ernährung verteuern, sondern gesunde Ernährung gleichzeitig erleichtern.
Und nicht nur darauf hoffen, dass jeder Einzelne die richtigen Entscheidungen trifft, sondern Rahmenbedingungen schaffen, unter denen diese Entscheidungen tatsächlich einfacher werden.
Mein Fazit: Wie viel ist uns unsere Gesundheit wirklich wert?
Ich bin eine Naschkatze.
Ich liebe Süßigkeiten. Und ich werde ganz sicher auch weiterhin gelegentlich welche essen.
Ich möchte niemandem Schokolade, Weingummi oder ein Stück Kuchen verbieten.
Aber ich habe durch meine Diabetesdiagnose erfahren, wie wichtig es ist, das eigene Ernährungsverhalten ernst zu nehmen.
Und ich frage mich, warum wir als Gesellschaft nicht ebenso konsequent über die Bedingungen sprechen, unter denen dieses Ernährungsverhalten entsteht.
Die geplante Zuckergetränkesteuer halte ich grundsätzlich für einen richtigen Schritt.
Aber sie ist eben nur ein Schritt.
Süßigkeiten und andere zuckerreiche Lebensmittel bleiben außen vor. Für reine Fruchtsäfte sind Ausnahmen vorgesehen. Und ob wir mit freiwilligen Vereinbarungen tatsächlich genügend erreichen, darf nach den bisherigen Erfahrungen bezweifelt werden.
Dabei sprechen wir nicht nur über persönlichen Genuss.
Wir sprechen über chronische Erkrankungen, vermeidbares Leid, wirtschaftliche Interessen und Milliardenbeträge, die unser Gesundheitssystem und unsere Gesellschaft belasten.
Natürlich ist nicht jede Erkrankung durch eine andere Ernährung vermeidbar.
Und selbstverständlich wird auch eine noch so umfassende Zuckersteuer nicht sämtliche Probleme lösen.
Aber daraus kann doch nicht folgen, dass wir uns mit einer möglichst kleinen Maßnahme zufriedengeben sollten.
Warum untersuchen wir nicht ernsthaft, ob eine umfassendere Besteuerung, verbindliche Zuckerreduktionsziele und eine bessere Förderung gesunder Lebensmittel gemeinsam mehr erreichen könnten?
Vielleicht ist eine zusätzliche Steuer tatsächlich sinnvoll.
Vielleicht sind verbindliche Rezepturvorgaben das bessere Mittel.
Vielleicht brauchen wir beides.
Und vielleicht müssen wir darüber hinaus noch sehr viel stärker über unsere gesamte Ernährungsumgebung sprechen.
Was ich allerdings nicht akzeptieren möchte, ist die Vorstellung, dass wirtschaftliche Interessen automatisch schwerer wiegen sollten als die Gesundheit der Menschen.
Wir müssen Unternehmen und ihre Beschäftigten berücksichtigen. Aber ebenso die Menschen, die an ernährungsmitbedingten Erkrankungen leiden, und diejenigen, die deren Folgen finanzieren.
Die entscheidende Frage ist für mich deshalb nicht, ob sich unsere Gesellschaft eine wirksamere Ernährungspolitik leisten kann.
Sondern ob wir es uns langfristig leisten wollen, darauf zu verzichten.
Quellenverzeichnis
Wissenschaftliche Studien, amtliche Veröffentlichungen und politische Dokumente. Stand der politischen Angaben: 16. Oktober 2026.
- Bundesregierung (2026): Zuckergetränkesteuer soll Gesundheitssystem entlasten. Ergänzend: tagesschau, 14.10.2026.
- Statistisches Bundesamt (2026): Bevölkerungsentwicklung Deutschlands 2025.
- DGE, DDG und DAG (2018): Quantitative Empfehlung zur Zuckerzufuhr in Deutschland.
- Perrar et al. (2024): Intake of free sugar among children and adolescents in Germany declines – current results of the DONALD study. European Journal of Nutrition.
- Chiavaroli et al. (2022): Important Food Sources of Fructose-Containing Sugars and Non-Alcoholic Fatty Liver Disease. Nutrients.
- Emmert-Fees et al. (2023): Projected health and economic impacts of sugar-sweetened beverage taxation in Germany. PLOS Medicine.
- Westwater, Fletcher und Ziauddeen (2016): Sugar addiction – the state of the science. European Journal of Nutrition.
- Deutscher Bundestag (15.10.2026): Bundestag beschließt Erhöhung der Tabaksteuer. Ergänzend: aktualisierte Einnahmeprognosen des Finanzausschusses.
- Robert Koch-Institut (2025): Verbreitung von Adipositas und Rauchen bei Erwachsenen in Deutschland – Entwicklung von 2003 bis 2023.
- Nguyen, Marschall und Tisch (2026): Adipositas in Deutschland – administrative Prävalenz, Komorbiditäten, Mortalität und Behandlungskosten. Monitor Versorgungsforschung.
- Taillie et al. (2017): Two-year evaluation of Mexico’s 8% nonessential food tax. Preventive Medicine.
- Guerrero-López et al. (2017): Employment changes associated with the introduction of taxes on sugar-sweetened beverages and nonessential energy-dense food in Mexico. Preventive Medicine.
- Systematische Übersichtsarbeit (2020): The macroeconomic impacts of diet-related fiscal policy for NCD prevention.
- Max Rubner-Institut (2025): Reduktionsziele für Zucker, Fett und Salz.
- Gressier et al. (2025): The effectiveness of mandatory v. voluntary food reformulation policies – a rapid review. British Journal of Nutrition.
- UK Office for Health Improvement and Disparities (2022): Sugar reduction programme – industry progress 2015 to 2020.
- Lobbyregister des Deutschen Bundestages (2026): Verein der Zuckerindustrie – Ablehnung einer Zuckersteuer.
- World Health Organization (2024): Fiscal policies to promote healthy diets – WHO guideline.
Hinweis zu den Zahlen: Die angegebenen Pro-Kopf-Beträge sind eigene, gerundete Berechnungen auf Basis amtlicher Bevölkerungszahlen. Wissenschaftliche Modellierungen, beobachtete Konsumveränderungen und nachgewiesene Behandlungskosten wurden bewusst getrennt dargestellt.






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