Entschuldigt bitte die Länge dieses Artikels. Aber dieses Thema liegt mir wirklich sehr am Herzen. Denn es geht um weit mehr als reißerische Schlagzeilen, Klickzahlen oder Einschaltquoten. Es geht darum, wie Medien unsere Wahrnehmung beeinflussen, politische Meinungen mitprägen und damit Verantwortung für die Entwicklung unserer Gesellschaft tragen. Deshalb möchte ich meine Gedanken etwas ausführlicher erklären und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen untermauern.
Hier geht es zur kürzeren Version ➡️
Ich lese ziemlich viele Nachrichten. Und damit meine ich nicht, dass ich jeden Morgen eine Zeitung aufschlage und mich anschließend für ausreichend informiert halte. Ich bewege mich zwischen Nachrichtenseiten, regionalen Portalen, öffentlich-rechtlichen Angeboten, konservativen, liberalen und linken Medien hin und her. Auch Nachrichtensender, politische Magazine und Fernsehdiskussionen gehören für mich dazu.
Ganz bewusst. Denn wenn ich mir zu einem Thema eine Meinung bilden möchte, interessiert mich nicht nur, was passiert ist. Mich interessiert auch, wie unterschiedlich darüber berichtet wird, welche Aspekte hervorgehoben werden und welche vielleicht gar nicht erst vorkommen. Ich möchte mir ein möglichst umfassendes Bild machen, statt einfach die Sichtweise eines einzelnen Mediums zu übernehmen.
Dabei fällt mir immer wieder etwas auf: Manche Nachrichten scheinen weniger dafür aufbereitet zu sein, mich zu informieren, als dafür, eine möglichst starke Reaktion in mir auszulösen.
Empörung funktioniert dabei besonders gut.
Da steht dann nicht einfach, was ein Politiker gesagt hat. Die Aussage wird zum „Eklat“, zum „Hammer“, zum „Angriff“ oder zum „Irrsinn“. Aus einer einzelnen Äußerung wird eine große politische Auseinandersetzung. Eine Provokation, die möglicherweise schon nach wenigen Stunden vergessen wäre, bekommt Artikel, Kommentar, Gegenkommentar, Reaktionen anderer Politiker und irgendwann noch eine Meldung darüber, dass inzwischen alle über diese Meldung diskutieren.
Und natürlich klicke ich möglicherweise darauf. Oder bleibe beim Durchschalten auf einem Nachrichtensender hängen.
Du vielleicht auch.
Damit hat die Nachricht zunächst einmal funktioniert.
Aber was passiert eigentlich danach? Und welchen Einfluss hat diese Art der Berichterstattung langfristig auf unsere Gesellschaft?
Journalismus ist auch ein Geschäft
Bevor jetzt der Eindruck entsteht, ich wolle „den Medien“ irgendeine große politische Verschwörung unterstellen: Nein.
Journalismus kostet Geld. Redakteure müssen bezahlt werden, Recherche kostet Zeit, Korrespondenten benötigen Ressourcen, und auch ein Nachrichtenportal ohne gedruckte Zeitung muss seine laufenden Kosten decken.
Damit habe ich überhaupt kein Problem. Im Gegenteil: Unabhängiger, sorgfältiger Journalismus ist eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie und darf selbstverständlich wirtschaftlich erfolgreich sein.
Problematisch wird es aus meiner Sicht dort, wo Aufmerksamkeit zunehmend selbst zur Währung wird und die Frage nach Reichweite möglicherweise stärker über redaktionelle Entscheidungen bestimmt als die tatsächliche gesellschaftliche Bedeutung einer Nachricht.
Im Internet lässt sich Aufmerksamkeit hervorragend messen: Seitenaufrufe, Klickraten, Verweildauer, Abonnements, Shares, Kommentare und andere Interaktionen. Redaktionen können ziemlich genau erkennen, welche Überschrift funktioniert und welche Geschichte besonders viele Menschen erreicht.
Dass diese Informationen journalistische Entscheidungen beeinflussen können, ist wissenschaftlich untersucht worden.
Eine Studie von Welbers und seinen Kollegen aus dem Jahr 2016 betrachtete fünf niederländische Zeitungen über sechs Monate. Die Forscher stellten fest, dass die Themen besonders häufig aufgerufener Artikel mit höherer Wahrscheinlichkeit anschließend erneut aufgegriffen wurden. Bemerkenswert war dabei, dass die befragten Journalisten eine Nachrichtenauswahl nach Klickzahlen teilweise selbst als Widerspruch zu professionellen journalistischen Normen betrachteten.
Trotzdem war der Zusammenhang messbar. (Welbers et al., 2016)
Das bedeutet nicht, dass ein Redakteur morgens vor seinem Rechner sitzt und darüber nachdenkt, wie er möglichst effektiv der politischen Kultur schaden kann.
Viel wahrscheinlicher ist etwas wesentlich Banaleres:
Dieser Artikel läuft gut. Also machen wir mehr davon.
Und genau darin liegt möglicherweise ein viel größeres Problem.
Nicht nur Klicks – auch Sendezeit schafft Aufmerksamkeit
Allerdings wäre es falsch, dieses Problem ausschließlich bei Onlineportalen, Zeitungen und Magazinen zu suchen. Auch das Fernsehen gehört dazu.
Nachrichtensender, politische Magazine, Talkshows und klassische Nachrichtensendungen entscheiden täglich darüber, welche Themen und Personen wie viel Aufmerksamkeit erhalten.
Dabei unterscheiden sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erheblich. Private Sender sind unter anderem auf Einschaltquoten und Werbeeinnahmen angewiesen. Öffentlich-rechtliche Sender haben dagegen einen gesetzlichen Informationsauftrag und eine andere Finanzierungsstruktur. Ihnen einfach dieselben wirtschaftlichen Motive zu unterstellen, wäre falsch.
Der mögliche Verstärkungseffekt bleibt davon jedoch unberührt.
Wenn eine provokante Aussage zunächst in den Nachrichten gezeigt, anschließend von Politikern kommentiert, in einer Talkshow diskutiert und später mehrfach in weiteren Sendungen aufgegriffen wird, erhält sie eine Präsenz, die weit über ihre ursprüngliche Bedeutung hinausgehen kann.
Dazu kommt die Verknüpfung mit den sozialen Netzwerken. Ausschnitte aus Fernsehsendungen landen anschließend auf YouTube, Instagram, TikTok oder anderen Plattformen. Dort werden sie erneut kommentiert, geteilt und diskutiert.
Aus wenigen Sekunden Provokation können so Stunden öffentlicher Auseinandersetzung entstehen.
Dabei greifen verschiedene Mechanismen ineinander: Die Fernsehredaktion entscheidet, was gesendet wird. Die Online-Redaktion wählt möglicherweise einen besonders zugespitzten Ausschnitt aus. Und anschließend bestimmen die Reaktionen des Publikums mit darüber, wie weit sich dieser Clip verbreitet.
Es geht also nicht ausschließlich um Klicks, sondern ganz grundsätzlich um Sendezeit, Reichweite, öffentliche Präsenz und die Bedeutung, die Medien bestimmten Aussagen und Personen dadurch verleihen können.
Empörung verkauft sich
Dass negative Überschriften besonders viel Aufmerksamkeit erzeugen können, ist nicht nur eine Behauptung von Menschen, die sich über Clickbait ärgern.
Eine 2023 in Nature Human Behaviour veröffentlichte Untersuchung analysierte mehr als 105.000 Varianten von Überschriften auf dem Nachrichtenportal Upworthy. Diese wurden insgesamt über 370 Millionen Mal eingeblendet und rund 5,7 Millionen Mal angeklickt.
Dabei handelte es sich um randomisierte Tests unterschiedlicher Überschriften.
Das Ergebnis: Bei einer durchschnittlich langen Überschrift erhöhte jedes zusätzliche negative Wort die Klickrate um etwa 2,3 Prozent. Positive Wörter wirkten tendenziell in die entgegengesetzte Richtung. (Robertson et al., 2023)
Natürlich lässt sich dieses Ergebnis nicht uneingeschränkt auf sämtliche Medien übertragen. Es zeigt aber, dass die emotionale Gestaltung einer Überschrift das Verhalten des Publikums messbar beeinflussen kann.
Für reichweitenstarke Portale können bereits wenige Prozent zusätzliche Klicks wirtschaftlich interessant sein.
Und Aufmerksamkeit besitzt im Mediengeschäft tatsächlich einen hohen Stellenwert. Im Reuters-Institute-Bericht zu Medien- und Technologietrends 2024 erklärten 54 Prozent der befragten Medienverantwortlichen, ihre Unternehmen konzentrierten sich hauptsächlich darauf, Aufmerksamkeit zu maximieren. Nur 37 Prozent sahen den Schwerpunkt eher in einem respektvollen Umgang mit der Zeit des Publikums. (Reuters Institute, 2024)
Das beweist keine gezielte politische Manipulation. Es zeigt aber, wie bedeutend Aufmerksamkeit als wirtschaftlicher Faktor geworden ist.
Und damit stellt sich für mich eine unangenehme Frage:
Was setzt sich langfristig in einem System durch, wenn negative, emotionale und konfliktorientierte Inhalte regelmäßig besser funktionieren als nüchterne Berichterstattung?
Wenn Nachrichten künstlich am Leben gehalten werden
Warum beschäftigen sich manche Medien eigentlich tagelang, manchmal sogar wochenlang mit demselben Thema? Warum wird aus einer einzigen politischen Auseinandersetzung eine ganze Serie von Artikeln, Kommentaren, Reaktionen und neuen Schlagzeilen?
Meine Vermutung ist ziemlich einfach: Weil es sich lohnt.
Solange ein Thema Menschen zum Klicken, Zuschauen, Teilen oder Kommentieren bringt, erzeugt es Reichweite. Und Reichweite besitzt für Medienunternehmen wirtschaftlichen Wert. Sie kann Werbeeinnahmen, Abonnements und die öffentliche Bedeutung einer Medienmarke beeinflussen.
Dabei fällt mir immer wieder etwas auf: Manche Themen scheinen regelrecht künstlich am Leben gehalten zu werden – weit über ihre eigentliche Brisanz und natürliche Nachrichtenlebensdauer hinaus.
Da wird eine Aussage, über die bereits ausführlich berichtet wurde, am nächsten Tag erneut aufgegriffen. Dann äußert sich ein weiterer Politiker dazu. Es folgen Einordnungen, Gegenreaktionen und schließlich noch ein Artikel darüber, wie kontrovers die Angelegenheit inzwischen diskutiert wird.
Ich frage mich dabei ernsthaft: Wird hier noch über ein relevantes Ereignis berichtet, oder wird das Ereignis durch die Berichterstattung überhaupt erst weiter am Leben gehalten?
Interessanterweise beschäftigt sich die Kommunikationswissenschaft schon lange mit dieser Dynamik.
Bereits 2005 beschrieb Peter Vasterman sogenannte Medienhypes: selbstverstärkende Nachrichtenwellen, bei denen ein Ereignis durch die Berichterstattung weitere Reaktionen hervorruft, die wiederum selbst zu Nachrichten werden. (Vasterman, 2005)
2014 untersuchte die Kommunikationswissenschaftlerin Annie Waldherr mithilfe eines Simulationsmodells, wie journalistisches Verhalten zur Entstehung und Fortsetzung solcher Nachrichtenwellen beitragen kann. (Waldherr, 2014)
Besonders aufschlussreich finde ich allerdings eine Untersuchung von Ananya Sen und Pinar Yildirim aus dem Jahr 2015.
Die Wissenschaftlerinnen analysierten anhand einer großen englischsprachigen Tageszeitung in Indien, wie Klickzahlen die redaktionelle Entscheidung beeinflussen, eine Geschichte weiterzuverfolgen.
Ihr Ergebnis: Eine Erhöhung der anfänglichen Klickzahlen um eine Standardabweichung ging in ihrem Untersuchungsmodell mit ungefähr drei zusätzlichen Folgeartikeln und drei weiteren Tagen Berichterstattung einher. (Sen & Yildirim, 2015)
Das finde ich bemerkenswert. Denn es zeigt, dass die Lebensdauer einer Nachricht nicht ausschließlich von ihrer gesellschaftlichen Bedeutung abhängen muss. Auch der Erfolg vorheriger Artikel kann dazu beitragen, dass eine Geschichte länger weiterverfolgt wird.
Natürlich ist nicht jeder weitere Artikel überflüssig oder manipulativ. Neue Erkenntnisse, politische Konsequenzen und zusätzliche Hintergründe können eine längere Berichterstattung vollkommen rechtfertigen.
Und selbst wirtschaftlich lohnt sich Skandalisierung nicht automatisch. Eine Untersuchung von Meiseberg und ihren Kollegen über einen deutschen politischen Skandal fand beispielsweise keinen entsprechenden positiven Effekt auf die untersuchten wirtschaftlichen Kennzahlen des betreffenden Boulevardmediums. (Meiseberg et al., 2016)
Der wirtschaftliche Anreiz ist also nicht mit einem tatsächlich erzielten Gewinn gleichzusetzen. Und dass Redaktionen absichtlich Themen verlängern, um mehr Geld zu verdienen, ist damit ebenfalls nicht bewiesen.
Dennoch bleibt ein wissenschaftlich gut nachvollziehbarer Mechanismus:
Aufmerksamkeit kann zusätzliche Berichterstattung erzeugen. Und diese zusätzliche Berichterstattung schafft wiederum neue Aufmerksamkeit.
Ein Thema wird aber nicht automatisch wichtiger, nur weil sich immer wieder neue Schlagzeilen daraus machen lassen.
Populisten müssen Journalisten gar nicht überzeugen
Und nun treffen wir auf politische Akteure, die mit dieser Aufmerksamkeitslogik besonders gut umgehen können.
Populistische Kommunikation vereinfacht häufig komplexe Zusammenhänge, personalisiert Probleme, benennt Schuldige und konstruiert einen Gegensatz zwischen „uns“ und „den anderen“. Sie emotionalisiert, erzeugt Konflikte und provoziert.
Damit meine ich Populismus zunächst als politische Kommunikationsweise, nicht als Synonym für Extremismus. Beides kann zusammenkommen, ist aber nicht dasselbe.
Für einen Politiker, der möglichst viel Aufmerksamkeit möchte, ergibt sich daraus eine interessante Strategie: Er muss Journalisten gar nicht davon überzeugen, dass seine Aussage richtig ist.
Es kann vollkommen genügen, etwas zu sagen, das Journalisten für so falsch, empörend oder grenzüberschreitend halten, dass sie darüber berichten müssen.
Ein Medium veröffentlicht dann beispielsweise einen Artikel, um eine Aussage zu kritisieren – und verbreitet damit gleichzeitig genau diese Aussage an möglicherweise hunderttausende Menschen.
Es folgen Kommentare, politische Gegenreaktionen, weitere Artikel und vielleicht eine Talkshow. Am Ende hat eine kurze Provokation mehrere Nachrichtentage bestimmt.
Ein Medium kann einen Populisten verurteilen und ihn gleichzeitig größer machen.
Für Deutschland gibt es dazu eine ausgesprochen passende Untersuchung.
Marcus Maurer und seine Kollegen analysierten 17 gezielte Provokationen von AfD-Politikern zwischen 2015 und 2018. Die Berichterstattung war überwiegend skandalisierend. Die Medien stellten sich also keineswegs auf die Seite der entsprechenden Aussagen.
Trotzdem führten die Provokationen zu zusätzlicher Berichterstattung und beeinflussten die öffentliche Aufmerksamkeit für die AfD. Besonders Angriffe auf Migranten erzeugten umfangreiche Medienreaktionen. (Maurer et al., 2023)
Das bedeutet, dass die Wirkung journalistischer Berichterstattung nicht zwingend mit ihrer beabsichtigten Aussage übereinstimmen muss.
Der Journalist möchte vielleicht vermitteln:
„Schaut euch an, wie empörend diese Aussage ist.“
Beim Publikum kann aber gleichzeitig der Eindruck entstehen:
„Dieser Politiker ist überall. Offenbar ist er wahnsinnig wichtig.“
Und genau das kann einem politischen Akteur bereits helfen, ohne dass die berichtenden Journalisten seine Position unterstützen.
Meinungsmache braucht keine Falschmeldungen
Hier kommen zwei Konzepte der Kommunikationswissenschaft ins Spiel, die ich für besonders wichtig halte: Agenda Setting und Framing.
Maxwell McCombs und Donald Shaw beschrieben bereits 1972, wie die Auswahl und Gewichtung von Nachrichten beeinflussen können, welche Themen Menschen als besonders wichtig wahrnehmen. (McCombs & Shaw, 1972)
Robert Entman beschäftigte sich 1993 mit dem sogenannten Framing: der Frage, wie Medien bestimmte Aspekte eines Sachverhalts hervorheben und dadurch seine Interpretation prägen können. (Entman, 1993)
Vereinfacht gesagt:
Medien beeinflussen nicht nur, worüber wir nachdenken. Sie können auch mitprägen, wie wir darüber denken.
Dabei halte ich einen Unterschied für ganz besonders wichtig: Wenn wir über Meinungsbeeinflussung sprechen, denken viele Menschen sofort an Lügen, erfundene Geschichten oder bewusst verbreitete Falschinformationen.
Aber das greift viel zu kurz.
Auch die Auswahl, Gewichtung, Wiederholung und emotionale Darstellung vollkommen wahrer Informationen können beeinflussen, welches Bild sich Menschen von Politikern, Parteien und gesellschaftlichen Entwicklungen machen.
Eine Redaktion muss dafür überhaupt keine falschen Tatsachen verbreiten. Sie kann sich auf echte Ereignisse stützen und trotzdem durch die Auswahl der berichteten Aspekte, die verwendeten Überschriften und die Häufigkeit ihrer Wiederholung ein bestimmtes Gesamtbild erzeugen.
Natürlich ist nicht jede journalistische Auswahl automatisch manipulativ. Journalismus muss auswählen, gewichten und einordnen. Kein Nachrichtenmedium kann sämtliche Ereignisse einer Gesellschaft gleich ausführlich behandeln.
Aber gerade deshalb besitzt diese Auswahl so große Bedeutung.
Wer entscheidet, welche politischen Fehler zur großen Schlagzeile werden, welche Erfolge kaum Beachtung finden und welche Streitigkeiten über Tage hinweg die Nachrichten dominieren, beeinflusst möglicherweise auch unsere Wahrnehmung der handelnden Personen.
Berechtigte Kritik ist notwendiger Journalismus. Eine verzerrende Gesamtwirkung kann jedoch auch dann entstehen, wenn jeder einzelne Bericht auf wahren Tatsachen beruht.
Wenn aus Kritik ein dauerhaft negatives Bild wird
Bis hierhin ging es hauptsächlich darum, wie Medien bestimmten Politikern und Parteien durch Aufmerksamkeit zusätzliche Bedeutung verschaffen können.
Aber es gibt noch einen zweiten Mechanismus: Medien können politische Akteure möglicherweise auch indirekt stärken, indem sie andere dauerhaft negativ darstellen.
Selbstverständlich müssen Journalisten politische Fehler aufdecken. Regierungen müssen sich Kritik gefallen lassen, Kanzler ebenso wie Minister, Abgeordnete und andere Entscheidungsträger. Die kritische Kontrolle der Macht gehört schließlich zu den wichtigsten Aufgaben unabhängiger Medien.
Aber was passiert, wenn die Berichterstattung über eine Regierung über Wochen und Monate hauptsächlich von Schlagzeilen über Chaos, Streit, Machtkämpfe, Blamagen und Versagen geprägt ist?
Jeder einzelne Artikel kann vollkommen berechtigt sein. Vielleicht hat tatsächlich jemand eine falsche Entscheidung getroffen, vielleicht gibt es wirklich Streit zwischen Koalitionspartnern, und vielleicht wurde ein Vorhaben tatsächlich schlecht umgesetzt.
Aber welches Gesamtbild entsteht aus der Summe all dieser Berichte?
Aus „Diese Entscheidung war falsch“ wird in der Wahrnehmung mancher Menschen möglicherweise „Diese Regierung macht alles falsch“.
Aus „Die Koalitionspartner sind sich bei diesem Thema uneinig“ wird „Diese Koalition ist grundsätzlich handlungsunfähig“.
Und aus „Dieser Politiker hat einen Fehler gemacht“ wird irgendwann „Dieser Politiker ist unfähig“.
Dass negative politische Berichterstattung mit der öffentlichen Bewertung von Politikern zusammenhängt, ist ebenfalls untersucht worden.
Annelien Van Remoortere und Rens Vliegenthart analysierten rund 1,24 Millionen belgische Zeitungsartikel zwischen 2003 und 2019 und verglichen sie mit den Beliebtheitswerten von Politikern. Negative Berichterstattung hing dabei mit sinkender Beliebtheit zusammen, während positive Berichterstattung keinen vergleichbaren signifikanten Zusammenhang zeigte. (Van Remoortere & Vliegenthart, 2024)
Eine weitere Untersuchung von Gunnar Thesen und seinen Kollegen analysierte rund 770.000 Nachrichtenartikel aus vier europäischen Ländern sowie die Entwicklung der Unterstützung für Regierungsparteien.
Die Forscher stellten fest, dass Regierungsparteien häufiger in negativen Nachrichtenzusammenhängen erscheinen als Oppositionsparteien. Je stärker diese negative Berichterstattung ausfiel, desto geringer war tendenziell die Unterstützung für die Regierenden. (Thesen et al., 2024)
Wichtig ist allerdings: Solche Zusammenhänge beweisen nicht, dass Journalisten bewusst Regierungen schwächen. Sie können auch tatsächliche Probleme widerspiegeln, für die Regierungen verantwortlich sind. Und sie beweisen schon gar nicht, dass eine bestimmte Oppositionspartei automatisch von negativen Nachrichten profitiert.
Dennoch entsteht hier möglicherweise ein indirekter Vorteil für politische Alternativen.
Wer ständig hört, wie schlecht die einen ihre Arbeit machen, kann anfangen, nach anderen Lösungen und Parteien zu suchen. Das ist zunächst vollkommen legitim.
Problematisch wird es, wenn diese Alternativen nicht derselben kritischen Betrachtung unterzogen werden.
Eine Oppositionspartei kann von Unzufriedenheit profitieren, ohne selbst beweisen zu müssen, dass sie tatsächlich bessere Lösungen besitzt. Sie kann Stabilität, Entschlossenheit oder einfache Antworten versprechen, ohne diese Versprechen bereits in Regierungsverantwortung einlösen zu müssen.
So könnte bei manchen Menschen irgendwann der Gedanke entstehen:
„Wenn die einen offenbar nichts auf die Reihe bekommen, dann machen es die anderen vielleicht besser.“
Ob diese anderen tatsächlich besser wären, ist damit überhaupt nicht gesagt.
Und natürlich muss daraus kein Parteiwechsel entstehen. Manche Menschen werden unentschlossen, andere verlieren das Interesse an Politik oder das Vertrauen in politische Institutionen insgesamt.
Die entscheidende Frage bleibt deshalb, ob Redaktionen ausreichend zwischen berechtigter Kritik und permanenter Dramatisierung unterscheiden.
Kritischer Journalismus kontrolliert Macht. Eine dauerhaft dramatisierende Berichterstattung kann dagegen das Vertrauen in Politik beschädigen – auch dann, wenn die einzelnen Meldungen auf wahren Ereignissen beruhen.
Wenn Aufmerksamkeit zur Normalität wird
Ein weiterer Effekt medialer Berichterstattung wird häufig unterschätzt: Die Wirkung beschränkt sich nicht darauf, ob Menschen einer Aussage zustimmen oder sie ablehnen.
Manchmal kann bereits die wiederholte Präsenz einer Position verändern, für wie verbreitet Menschen diese halten.
Eine 2025 im British Journal of Political Science veröffentlichte Untersuchung von Diane Bolet und Florian Foos verwendete reale Interviews mit extrem rechten Aktivisten aus Großbritannien und Australien.
Unkritische Interviews erhöhten sowohl die Zustimmung zu extremen Aussagen als auch die Einschätzung, dass solche Ansichten in der Bevölkerung weiter verbreitet seien.
Kritische Interviews schwächten die Überzeugungswirkung deutlich ab. Sie konnten jedoch nicht vollständig verhindern, dass Teilnehmer anschließend von einer größeren Verbreitung dieser Ansichten ausgingen. (Bolet & Foos, 2025)
Das finde ich beinahe noch interessanter als den direkten Überzeugungseffekt.
Denn politische Normalisierung muss nicht bedeuten:
„Ich finde diese Position jetzt richtig.“
Sie kann auch bedeuten:
„Offenbar denken sehr viele Menschen so.“
Damit kann sich bereits die Wahrnehmung dessen verschieben, was gesellschaftlich normal, verbreitet oder politisch relevant ist.
Eine Aussage, die zunächst als extreme Randposition wahrgenommen wird, erhält durch ständige öffentliche Diskussion möglicherweise einen festen Platz im politischen Alltag. Menschen widersprechen, Experten diskutieren, Politiker werden nach ihrer Haltung gefragt und Nachrichtensendungen widmen ihr immer neue Beiträge.
Irgendwann lautet die Diskussion vielleicht nicht mehr:
„Warum reden wir überhaupt darüber?“
Sondern:
„Welche Position haben Sie dazu?“
Das bedeutet nicht, dass jede kritische Berichterstattung extreme Positionen normalisiert. Die Art der journalistischen Einordnung macht durchaus einen Unterschied.
Aber die Forschung zeigt, dass Sichtbarkeit und wahrgenommene gesellschaftliche Akzeptanz andere Wirkungen haben können als die unmittelbare Überzeugungskraft einer Aussage.
Und das sollte uns zu denken geben.
Ein System, in dem alle Aufmerksamkeit erzeugen
An diesem Punkt brauchen wir keine Verschwörung, um das Problem zu erklären.
Ein Politiker möchte Aufmerksamkeit. Ein Nachrichtenportal benötigt Reichweite. Ein Fernsehsender möchte sein Publikum erreichen und halten. Digitale Plattformen berücksichtigen Nutzerinteraktionen bei der Verbreitung von Inhalten. Und wir selbst reagieren auf bestimmte emotionale Reize.
Eine Untersuchung von mehr als 2,7 Millionen politischen Beiträgen auf Facebook und Twitter zeigte beispielsweise, dass Beiträge über die politische Gegengruppe ungefähr doppelt so häufig geteilt wurden wie Beiträge über die eigene Gruppe. Untersucht wurden Beiträge von Nachrichtenmedien und US-Kongressmitgliedern. (Rathje et al., 2021)
Da schließt sich der Kreis.
Ein Politiker provoziert. Seine Anhänger teilen die Aussage. Seine Gegner verbreiten sie ebenfalls, allerdings mit empörten Kommentaren. Medien greifen die Diskussion auf, und auf sozialen Netzwerken erhält sie durch weitere Reaktionen zusätzliche Aufmerksamkeit.
Andere Politiker werden um Stellungnahmen gebeten, worüber anschließend erneut berichtet werden kann.
Und plötzlich hat möglicherweise niemand ausdrücklich entschieden:
„Wir machen diesen Menschen jetzt groß.“
Trotzdem kann das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Interessen genau diesen Effekt hervorbringen.
Die Kommunikationsforscherin Whitney Phillips untersuchte bereits 2018 unter dem Titel The Oxygen of Amplification, wie extremistische und manipulative Akteure journalistische Routinen für die Verbreitung ihrer Botschaften nutzen können. (Phillips, 2018)
Der Gedanke dahinter ist ebenso einfach wie unangenehm:
Manche Provokateure benötigen keine Zustimmung der Medien. Die Aufmerksamkeit reicht ihnen bereits.
Gilt das nur für rechts?
Nein. Und hier möchte ich ausdrücklich unterscheiden.
Die beschriebenen psychologischen und medialen Mechanismen – Empörung, Feindbilder, Gruppendenken, negative Emotionalisierung und Aufmerksamkeit für politische Gegner – gehören keiner bestimmten politischen Richtung.
Auch linkspopulistische Kommunikation kann ein „Wir gegen die“-Narrativ bedienen. Auch ein links positioniertes Medium kann Überschriften produzieren, bei denen Empörung über konservative oder rechte Akteure viel Aufmerksamkeit erzeugt.
Und auch Menschen, die sich selbst für ausgesprochen aufgeklärt halten, sind nicht immun gegen den Impuls, einen Beitrag über „die anderen“ anzuklicken und empört weiterzuverbreiten.
Trotzdem wäre es unseriös, daraus abzuleiten, die gegenwärtige politische Situation sei rechts und links einfach spiegelbildlich.
Für die konkrete Instrumentalisierung klassischer Medien durch radikal rechte Akteure und die Normalisierung extrem rechter Positionen liegen umfangreiche Untersuchungen vor. Das bedeutet weder, dass ähnliche Mechanismen im linken Spektrum ausgeschlossen wären, noch, dass ihre Verbreitung oder ihre politischen Folgen auf beiden Seiten gleich groß sein müssten.
Die allgemeine Funktionsweise eines Mechanismus ist nicht dasselbe wie der Nachweis seiner gleichen politischen Bedeutung.
Mir geht es ohnehin nicht darum, ein politisches Lager gegen das andere auszuspielen. Mir geht es um die Verantwortung der Medien – unabhängig davon, welche Partei oder politische Richtung gerade von ihrer Berichterstattung profitiert.
„Aber darüber muss man doch berichten!“
Ja, natürlich.
Die Alternative kann nicht darin bestehen, über extreme, populistische oder demokratiegefährdende Entwicklungen einfach nicht mehr zu berichten.
Auch das wäre journalistisches Versagen.
Wenn eine relevante Partei radikale Forderungen erhebt, müssen Bürger davon erfahren. Wenn Politiker Institutionen angreifen oder gesellschaftliche Gruppen diffamieren, gehört das selbstverständlich in die öffentliche Debatte.
Die Frage lautet deshalb nicht:
Berichten oder verschweigen?
Sondern:
Wie berichten?
Muss wirklich jede Provokation zur Eilmeldung werden? Muss jede Aussage in einer möglichst dramatischen Überschrift wiederholt werden? Und muss auf jede politische Reaktion sofort die nächste Meldung folgen?
Oder lässt sich das Geschehen stärker erklären, einordnen und gewichten?
Genau hier beginnt für mich journalistische Verantwortung.
Eine vergleichende Untersuchung von rund 9.000 Nachrichtenbeiträgen aus 59 Medien in zehn europäischen Ländern zeigte, dass Nachrichtenmedien populistische Akteure keineswegs grundsätzlich überrepräsentieren oder positiv darstellen. Die Forscher beschrieben Medien vielmehr als Gatekeeper, Kritiker und teilweise selbst als Initiatoren populistischer Kommunikation. (Wettstein et al., 2018)
Eine weitere Studie von Franzisca Schmidt ergab ebenfalls keinen allgemeinen Automatismus, wonach populistische Kommunikation zwangsläufig zu überproportionaler Medienpräsenz führt. (Schmidt, 2020)
Das ist wichtig. Denn die einfache Geschichte „Medien fördern Populisten“ wäre viel zu bequem.
Medien können populistische Botschaften verbreiten, sie können sie aber auch kritisch einordnen, filtern und ihre Wirkung begrenzen.
Guter Journalismus kann genau das leisten.
Umso wichtiger ist es, dass redaktionelle Entscheidungen nicht allein davon abhängen, wie viel Aufmerksamkeit sich mit einer Geschichte erzielen lässt.
Reichweite darf nicht mit Relevanz verwechselt werden.
Was macht das alles mit uns?
Vielleicht liegt der größte gesellschaftliche Schaden am Ende gar nicht darin, dass einzelne Menschen durch einen bestimmten Artikel ihre politische Meinung ändern.
Vielleicht ist die Wirkung viel schleichender.
Wer tagtäglich liest und hört, dass überall gestritten, provoziert, beleidigt und empört wird, bekommt möglicherweise irgendwann den Eindruck, genau daraus bestehe Politik.
Die Lautesten werden sichtbar, die Radikalsten werden diskutiert und die Empörtesten kommentieren. Wer dagegen eigentlich nur vernünftig informiert werden möchte, hat möglicherweise irgendwann schlicht keine Lust mehr auf diese permanente Auseinandersetzung.
Der Digital News Report 2026 des Reuters Institute zeigt zumindest einen bemerkenswerten Trend: 42 Prozent der Befragten in den untersuchten Märkten gaben an, Nachrichten zumindest gelegentlich aktiv zu vermeiden. Im Jahr 2017 waren es noch 29 Prozent. (Reuters Institute, 2026)
Natürlich hat Nachrichtenvermeidung viele mögliche Ursachen. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass polarisierende Berichterstattung allein verantwortlich wäre.
Aber die Zahlen zeigen, dass ein erheblicher Teil des Publikums zumindest zeitweise Abstand vom Nachrichtengeschehen sucht.
Und wenn besonders emotionale Reaktionen große Sichtbarkeit erzeugen, während andere Menschen sich zunehmend aus der Diskussion zurückziehen, kann die öffentliche Debatte noch konfliktgeladener erscheinen, als die Gesellschaft tatsächlich ist.
Es wäre eine ziemlich bittere Entwicklung, wenn ausgerechnet diejenigen, die am lautesten provozieren, dauerhaft die größte Aufmerksamkeit erhalten.
Vielleicht schauen wir einfach zu kurzfristig
Ich glaube nicht, dass morgens in den Redaktionen großer Medienhäuser jemand sitzt und sagt:
„Heute helfen wir einer populistischen Partei dabei, größer zu werden.“
Das wäre eine gewagte Behauptung, für die ich keinen Beleg habe.
Ich glaube etwas anderes.
Ich glaube, dass bei manchen Medien sehr genau darüber nachgedacht wird, welche Überschrift heute funktioniert, welcher Artikel heute Reichweite bringt und welches Thema heute möglichst viele Menschen auf die Website oder vor den Bildschirm zieht.
Und ich bezweifle, dass dabei immer ebenso intensiv darüber nachgedacht wird, was tausende solcher Einzelentscheidungen über viele Jahre mit unserer politischen Öffentlichkeit machen.
Denn kurzfristig kann eine reißerische Meldung vollkommen erfolgreich sein. Sie wird angeklickt, geteilt, kommentiert und diskutiert. Vielleicht bringt sie zusätzliche Werbeeinnahmen oder Abonnements.
Aber langfristig kann dieselbe Logik genau jene Akteure belohnen, die besonders gut darin sind, Aufmerksamkeit durch Provokation zu erzeugen.
Wenn dann noch eine dauerhaft negative Darstellung ihrer politischen Konkurrenten hinzukommt, können sich beide Mechanismen unter bestimmten Umständen gegenseitig verstärken.
Nicht zwangsläufig. Nicht bei jedem Thema und nicht bei jedem Menschen.
Aber diese Möglichkeit sollten wir ernst nehmen.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, ob eine Nachricht heute erfolgreich ist, sondern auch, welche Folgen ihre Darstellung langfristig haben kann.
Auch wir Leser und Zuschauer gehören zum System
Es wäre allerdings ziemlich bequem, jetzt nur mit dem Finger auf Redaktionen zu zeigen.
Denn auch wir spielen dieses Spiel.
Wir klicken auf absurde Überschriften, schauen uns empörende Ausschnitte aus Talkshows an und teilen Artikel mit dem Kommentar:
„Unfassbar, was der schon wieder gesagt hat!“
Wir diskutieren, kommentieren und streiten. Und damit tragen auch wir dazu bei, dass bestimmte Inhalte immer mehr Aufmerksamkeit erhalten.
Vielleicht sollten wir deshalb auch unser eigenes Verhalten gelegentlich hinterfragen.
Muss ich wirklich jede Provokation weiterverbreiten, nur um deutlich zu machen, wie sehr ich sie ablehne? Mache ich damit nicht manchmal genau das, was der Provokateur wollte? Und muss ich einen Artikel anklicken, dessen Überschrift mir bereits verrät, dass ich mich anschließend hauptsächlich aufregen werde?
Damit meine ich selbstverständlich nicht, dass wir politische Missstände ignorieren oder auf kritische Diskussionen verzichten sollen.
Aber vielleicht sollten wir bewusster entscheiden, welchen Inhalten wir unsere Aufmerksamkeit schenken und welche wir durch unsere Reaktionen noch weiterverbreiten.
Journalistische Verantwortung entbindet das Publikum nicht von Medienkompetenz. Aber Medienkompetenz entbindet Redaktionen ebenso wenig von journalistischer Verantwortung.
Information oder Aufmerksamkeit?
Für mich bleibt deshalb eine grundlegende Frage:
Was passiert mit einer Demokratie, wenn Medien nicht mehr hauptsächlich danach auswählen, was gesellschaftlich relevant ist – sondern gesellschaftliche Relevanz zunehmend dadurch entsteht, was Aufmerksamkeit erzeugt?
Darauf habe ich keine einfache Antwort.
Und ich möchte ausdrücklich nicht behaupten, alle Medien funktionierten so, jede negative Schlagzeile sei problematisch oder sämtliche Journalisten würden nur noch nach Klickzahlen arbeiten.
Das wäre nicht nur unfair, sondern würde genau jener pauschalisierenden Betrachtungsweise entsprechen, die ich hier kritisiere.
Aber wir können auch nicht ignorieren, was wissenschaftlich inzwischen untersucht wurde: Negative Sprache kann Klicks erzeugen. Konflikte mit politischen Gegengruppen können besonders viel Engagement hervorrufen. Nutzungsdaten können die redaktionelle Nachrichtenauswahl beeinflussen. Nachrichtenwellen können sich selbst verstärken. Gezielte Provokationen können selbst bei ablehnender Berichterstattung zusätzliche Aufmerksamkeit schaffen. Und die wiederholte mediale Präsenz extremer Positionen kann beeinflussen, für wie verbreitet Menschen diese halten.
Keine dieser Studien beweist, dass jeder Effekt zwangsläufig eintritt oder alle Medien nach denselben Mustern handeln.
Aber gemeinsam liefern sie genügend Gründe, unsere Nachrichtenkultur kritisch zu hinterfragen.
Vielleicht ist genau das die unbequeme Erkenntnis:
Populisten müssen Medien gar nicht auf ihre Seite ziehen. Sie müssen nur lernen, wie Medien funktionieren.
Und Medien wiederum müssen sich die Frage gefallen lassen, ob der kurzfristige Kampf um Klicks, Einschaltquoten und Reichweite manchmal einen gesellschaftlichen Preis besitzt, dessen Folgen wir erst viel später erkennen.
Ein Appell an die Medienschaffenden
Liebe Medienschaffende, die Ihr Euch dem Journalismus verschrieben habt:
Seid Journalisten! Bleibt bei den Fakten!
Berichtet kritisch, hinterfragt Aussagen, deckt Missstände auf und konfrontiert diejenigen mit der Wahrheit, die sie lieber verschweigen würden. Genau das brauchen wir. Gerade heute.
Aber hinterfragt bitte auch Eure eigene Berichterstattung. Fragt Euch nicht nur, ob eine Schlagzeile möglichst viele Menschen erreicht, sondern auch, was sie bei diesen Menschen auslöst. Ob Ihr mit Eurer Berichterstattung aufklärt oder einer Provokation erst die Bühne verschafft, die sie benötigt, um groß zu werden.
Nicht jede Empörung verdient eine Schlagzeile. Nicht jede Provokation eine Sondersendung. Und nicht alles, was Aufmerksamkeit erzeugt, besitzt deshalb auch gesellschaftliche Relevanz.
Und denkt verdammt noch mal an die Folgen, die die Art Eurer Berichterstattung haben kann!
Denn Eure Verantwortung endet nicht mit der Veröffentlichung eines Artikels oder dem Ende einer Nachrichtensendung. Eure Arbeit prägt, worüber wir sprechen, welche Themen wir für wichtig halten und welches Bild wir uns von unserer Gesellschaft machen.
Ich erwarte keine Berichterstattung ohne Haltung. Ich erwarte Journalismus, der zwischen Fakten, Einordnung und Meinung unterscheidet und sich seiner Verantwortung bewusst ist.
Denn guter Journalismus soll uns helfen, die Welt besser zu verstehen – und nicht diejenigen größer machen, die am lautesten schreien.
Quellen und weiterführende Literatur
Die nachfolgenden wissenschaftlichen Studien und Forschungsberichte bilden die Grundlage für die beschriebenen Zusammenhänge. Dabei ist zwischen experimentell nachgewiesenen Effekten, statistischen Zusammenhängen, theoretischen Modellen und persönlichen Einschätzungen zu unterscheiden.
Medienökonomie und Nachrichtenwellen
- Robertson, Claire E. et al. (2023): „Negativity drives online news consumption.“ Nature Human Behaviour, 7, 812–822. Originalstudie
- Welbers, Kasper et al. (2016): „News selection criteria in the digital age: Professional norms versus online audience metrics.“ Journalism, 17(8), 1037–1053. Originalstudie
- Sen, Ananya & Yildirim, Pinar (2015): „Clicks Bias in Editorial Decisions: How Does Popularity Shape Online News Coverage?“ Forschungsarbeit. SSRN
- Vasterman, Peter L. M. (2005): „Media-Hype: Self-Reinforcing News Waves, Journalistic Standards and the Construction of Social Problems.“ European Journal of Communication, 20(4), 508–530. Originalstudie
- Waldherr, Annie (2014): „Emergence of News Waves: A Social Simulation Approach.“ Journal of Communication, 64(5), 852–873. Originalstudie
- Meiseberg, Brinja; Lengers, Jochen; Ehrmann, Thomas (2016): „The Economics of Sensationalism: The Lack of Effect of Scandal-Reporting on Business Outcomes.“ Journal of Media Economics, 29(1), 4–15. Originalstudie
- Newman, Nic (2024): „Journalism, Media, and Technology Trends and Predictions 2024.“ Reuters Institute for the Study of Journalism. Forschungsbericht
Politische Kommunikation und Normalisierung
- Maurer, Marcus et al. (2023): „How Right-Wing Populists Instrumentalize News Media: Deliberate Provocations, Scandalizing Media Coverage, and Public Awareness for the Alternative for Germany (AfD).“ The International Journal of Press/Politics, 28(4). Originalstudie
- McCombs, Maxwell E. & Shaw, Donald L. (1972): „The Agenda-Setting Function of Mass Media.“ Public Opinion Quarterly, 36(2), 176–187. Originalstudie
- Entman, Robert M. (1993): „Framing: Toward Clarification of a Fractured Paradigm.“ Journal of Communication, 43(4), 51–58. Originalstudie
- Bolet, Diane & Foos, Florian (2025): „Media Platforming and the Normalisation of Extreme Right Views.“ British Journal of Political Science. Open-Access-Studie
- Rathje, Steve; Van Bavel, Jay J.; van der Linden, Sander (2021): „Out-group animosity drives engagement on social media.“ Proceedings of the National Academy of Sciences, 118(26). Open-Access-Studie
- Phillips, Whitney (2018): „The Oxygen of Amplification: Better Practices for Reporting on Extremists, Antagonists, and Manipulators.“ Data & Society Research Institute. Forschungsbericht
Negative Berichterstattung und öffentliche Meinung
- Van Remoortere, Annelien & Vliegenthart, Rens (2024): „The influence of mass media on the popularity of politicians.“ Party Politics. Originalstudie
- Thesen, Gunnar et al. (2024): „From bonus to burden: The cost of ruling from a new(s) perspective.“ European Journal of Political Research. Originalstudie
- Cappella, Joseph N. & Jamieson, Kathleen Hall (1996): „News Frames, Political Cynicism, and Media Cynicism.“ The Annals of the American Academy of Political and Social Science, 546, 71–84. Originalstudie
Gegenbefunde und Nachrichtenkonsum
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- Schmidt, Franzisca (2020): „Party Populism and Media Access: The News Value of Populist Communication and How It Is Handled by the Mass Media.“ International Journal of Communication, 14, 2360–2382. Open-Access-Studie
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