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Ich lese bewusst Nachrichten aus unterschiedlichen politischen Richtungen, von öffentlich-rechtlichen Angeboten über konservative und liberale bis hin zu linken Medien. Dabei fällt mir immer wieder auf, wie sehr manche Nachrichten auf Empörung setzen.
Eine provokante Aussage wird zum Eklat. Daraus entstehen neue Artikel, Kommentare, Reaktionen und Fernsehdiskussionen. Und irgendwann reden alle über ein Thema, das ohne diese mediale Aufmerksamkeit vielleicht längst wieder verschwunden wäre.
Ich frage mich deshalb: Machen Medien damit nicht manchmal genau diejenigen groß, vor denen sie uns gleichzeitig warnen?
Empörung bringt Aufmerksamkeit – und Aufmerksamkeit ist Geld wert
Journalismus muss finanziert werden. Das ist selbstverständlich. Aber wenn Reichweite über Klicks, Einschaltquoten und Interaktionen gemessen wird, entstehen wirtschaftliche Anreize, besonders aufmerksamkeitsstarke Themen weiterzuverfolgen.
Eine 2023 veröffentlichte Studie untersuchte mehr als 105.000 Varianten von Nachrichtenüberschriften. Das Ergebnis: Jedes zusätzliche negative Wort erhöhte bei durchschnittlich langen Überschriften die Klickrate um etwa 2,3 Prozent.
Eine weitere Untersuchung zeigte, dass besonders erfolgreiche Nachrichten häufiger fortgesetzt werden. In den untersuchten Daten gingen höhere anfängliche Klickzahlen sogar mit zusätzlichen Artikeln und einer längeren Berichterstattungsdauer einher.
Damit kann ein Kreislauf entstehen: Eine Geschichte erzeugt Aufmerksamkeit, die Aufmerksamkeit führt zu weiteren Nachrichten, und diese Nachrichten erzeugen wiederum neue Aufmerksamkeit.
Populisten profitieren möglicherweise sogar von Kritik
Für politische Provokateure ist das besonders interessant.
Sie müssen Journalisten nicht davon überzeugen, dass ihre Aussagen richtig sind. Es reicht unter Umständen, etwas so Empörendes zu sagen, dass darüber berichtet wird.
Eine Untersuchung von 17 AfD-Provokationen zwischen 2015 und 2018 zeigte, dass die überwiegend kritische Berichterstattung trotzdem zusätzliche Medienpräsenz und öffentliche Aufmerksamkeit für die Partei erzeugte.
Das bedeutet nicht, dass die Medien diese Partei unterstützen wollten.
Es bedeutet aber: Man kann jemanden öffentlich kritisieren und ihm gleichzeitig die Aufmerksamkeit verschaffen, die er sich wünscht.
Meinungsmache braucht keine Lügen
Noch etwas halte ich für wichtig: Medien beeinflussen unsere politische Wahrnehmung nicht nur dadurch, worüber sie berichten, sondern auch dadurch, wie sie berichten.
Dazu müssen sie keine falschen Nachrichten verbreiten.
Auch die Auswahl, Gewichtung, Wiederholung und dramatisierende Darstellung wahrer Ereignisse können unser Bild von Politikern und Parteien verändern.
Wenn beispielsweise über eine Regierung ständig im Zusammenhang mit Streit, Chaos und Fehlern berichtet wird, kann der Eindruck entstehen, sie sei grundsätzlich unfähig.
Studien aus Belgien und weiteren europäischen Ländern zeigen Zusammenhänge zwischen negativer politischer Berichterstattung und sinkender Beliebtheit beziehungsweise Unterstützung der betroffenen Politiker und Regierungsparteien.
Das heißt nicht, dass Kritik falsch wäre. Journalisten müssen Missstände aufdecken. Aber berechtigte Kritik und permanente Dramatisierung sind nicht dasselbe.
Und wenn Menschen das Vertrauen in eine Regierung verlieren, können politische Alternativen attraktiver erscheinen, ohne dass diese ihre Versprechen bereits unter Beweis gestellt hätten. Das ist eine mögliche Folge, kein Automatischer Effekt.
Das Problem betrifft nicht nur eine politische Richtung
Empörung, politische Feindbilder und Konflikte erzeugen Aufmerksamkeit unabhängig davon, ob sie aus dem rechten oder linken Spektrum kommen. Die Forschung zur konkreten medialen Verstärkung radikal rechter Akteure ist allerdings umfangreicher; daraus sollten wir keine künstliche Gleichheit beider Seiten ableiten.
Ebenso wenig möchte ich behaupten, sämtliche Medien handelten so. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen auch, dass Redaktionen populistische Botschaften kritisch filtern und ihre Verbreitung begrenzen können.
Genau deshalb kommt es auf die Art der Berichterstattung an.
Ein Appell an die Medien
Liebe Medienschaffende:
Seid Journalisten! Bleibt bei den Fakten!
Deckt Fehler auf, kritisiert Politiker, hinterfragt Aussagen und informiert uns über die Dinge, die für unsere Gesellschaft wichtig sind.
Aber fragt Euch bitte auch, welche Folgen Eure Berichterstattung haben kann. Nicht jede Provokation verdient eine Eilmeldung, nicht jede Empörung eine Talkshow und nicht jede erfolgreiche Schlagzeile ist deshalb auch gesellschaftlich relevant.
Und denkt verdammt noch mal daran, dass Ihr mit Eurer Berichterstattung unsere Wahrnehmung der Welt prägt!
Denn guter Journalismus soll uns helfen, die Welt besser zu verstehen – und nicht diejenigen größer machen, die am lautesten schreien.
Quellen – eine Auswahl
Robertson et al. (2023): „Negativity drives online news consumption.“ Experimentelle Untersuchung negativer Überschriften und Klickraten. Nature Human Behaviour
Sen & Yildirim (2015): „Clicks Bias in Editorial Decisions.“ Untersuchung zu Klickzahlen und der Fortsetzung von Nachrichten. SSRN
Maurer et al. (2023): „How Right-Wing Populists Instrumentalize News Media.“ Studie zur medialen Wirkung gezielter AfD-Provokationen. The International Journal of Press/Politics
Van Remoortere & Vliegenthart (2024): „The influence of mass media on the popularity of politicians.“ Untersuchung zum Zusammenhang zwischen Berichterstattung und Beliebtheit politischer Akteure. Party Politics
Thesen et al. (2024): „From bonus to burden.“ Untersuchung negativer Berichterstattung über Regierungsparteien. European Journal of Political Research
Wettstein et al. (2018): „News Media as Gatekeepers, Critics, and Initiators of Populist Communication.“ Vergleichende Studie zu unterschiedlichen Rollen journalistischer Medien. The International Journal of Press/Politics






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