Linux ist geblieben

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Wie aus einem Versuch mein neuer digitaler Alltag wurde

Am 11. Mai 2026 habe ich den ersten Rechner auf CachyOS umgestellt.

Es war zunächst meine Bastelkiste im Büro. Ein Rechner, bei dem es nicht ganz so schlimm gewesen wäre, wenn etwas nicht sofort funktioniert hätte. Ein geeignetes Versuchskaninchen also. Wenige Tage später folgte bereits der Gaming-PC.

Heute, rund zweieinhalb Monate später, muss ich feststellen: Linux ist nicht mehr nur ein Versuch.

Linux ist geblieben.

Und eigentlich ist es noch ein wenig mehr als das. Es ist inzwischen ganz selbstverständlich Teil meines Alltags geworden. Ich fahre den Rechner hoch, arbeite, spiele, höre Musik, schreibe, verwalte meine Server und erledige all die Dinge, für die ich früher automatisch Windows verwendet hätte.

Ohne vorher darüber nachzudenken, welches Betriebssystem darunter läuft.

Vermutlich ist genau das der Moment, in dem ein Wechsel wirklich abgeschlossen ist.

Die übliche Angst vor Linux

Linux hatte für mich lange diesen Ruf, den es vermutlich bei vielen Menschen noch immer besitzt: interessant, leistungsfähig und irgendwie sympathisch – aber im Alltag wahrscheinlich doch zu kompliziert.

Funktioniert der Drucker?

Was ist mit dem Scanner?

Laufen meine Spiele?

Kann ich meine gesamte Peripherie weiterhin benutzen?

Und muss ich künftig für jede Kleinigkeit irgendwelche kryptischen Befehle in ein schwarzes Terminalfenster tippen?

Diese Fragen sind nicht unbegründet. Wer ein Betriebssystem wechselt, tauscht schließlich nicht bloß das Hintergrundbild aus. Man verlässt eine Umgebung, in der man sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte eingerichtet hat.

Man kennt die Eigenheiten. Man weiß, wo sich die Einstellungen verstecken. Man hat gelernt, welche Fehler man ignorieren kann und welche Neustarts angeblich plötzlich sämtliche Probleme beheben.

Und in meinem Fall kommt noch dazu: Ich bin seit meiner Kindheit in der IT unterwegs – angefangen bei DOS, über Windows 3.11 und Windows 95 bis hin zu Windows 11. Mit der gesamten Microsoft-Welt bin ich also durchaus vertraut und habe ihre Entwicklung über Jahrzehnte praktisch miterlebt.

Der Wechsel zu Linux bedeutete daher zunächst vor allem eines: Gewohnheiten infrage zu stellen.

Nicht unbedingt, weil unter Linux alles schwieriger wäre.

Vieles ist schlicht anders.

Fast alles funktioniert

Nach gut zwei Monaten fällt meine Bilanz überraschend eindeutig aus:

Im Grunde funktioniert alles.

Die Drucker funktionieren.

Die Scanner funktionieren.

Meine Soundhardware funktioniert.

Monitore, Kameras, Bluetooth-Geräte und Netzlaufwerke funktionieren ebenfalls.

Selbst bei Geräten, bei denen ich im Vorfeld mit größeren Schwierigkeiten gerechnet hatte, haben wir Lösungen gefunden.

Ein besonders gutes Beispiel sind meine Stream Decks.

Solche Geräte werden häufig eng mit der Software ihres Herstellers verbunden. Offizielle Linux-Unterstützung ist dabei eher die Ausnahme. Trotzdem muss man deshalb nicht automatisch darauf verzichten.

Es gibt freie Software, engagierte Communitys und häufig mehrere Wege, ein Gerät unter Linux sinnvoll zu verwenden.

Vielleicht sieht die Lösung nicht immer exakt so aus wie unter Windows. Manchmal muss man eine Alternative ausprobieren, Konfigurationen anpassen oder zunächst verstehen, wie ein Gerät technisch angesprochen wird.

Aber am Ende funktioniert es.

Und genau diese Erfahrung habe ich während der gesamten Umstellung immer wieder gemacht:

Viele vermeintliche Ausschlusskriterien sind bei genauerem Hinsehen gar keine.

Sie sind Aufgaben.

Meine größte Sorge hieß OBS

Meine größte Angst vor dem Wechsel zu Linux galt allerdings weder dem Drucker noch dem Scanner.

Sie galt OBS.

Denn bei mir bedeutet OBS nicht einfach nur, eine Webcam auszuwählen, ein Mikrofon einzuschalten und auf „Stream starten“ zu klicken.

Mein Streaming-Setup ist über Jahre gewachsen und inzwischen eher ein kleines, selbstgebautes Fernsehstudio als eine einfache Streaming-Konfiguration.

Da gibt es zahlreiche Szenen für unterschiedliche Situationen: einen Warteraum, Just Chatting, Screen Sharing, Pausenansichten, verschiedene Gaming-Szenen und unterschiedliche Kamera-Layouts.

Und eine Kamera ist natürlich auch nicht genug.

Neben meiner Canon nutze ich unter anderem eine GoPro Hero 9, deren Bild über das Netzwerk per RTSP übertragen und unter Linux mithilfe von v4l2loopback als virtuelles Videogerät für OBS bereitgestellt wird.

Kamerabilder werden dabei nicht einfach nur ein- oder ausgeblendet.

Sie werden je nach Szene verschoben, vergrößert, neu positioniert und animiert.

Der Advanced Scene Switcher kümmert sich um automatische Abläufe. Move Transition und Move Source bewegen Quellen und Kameras zwischen verschiedenen Positionen. Shaderfilter erzeugen visuelle Effekte. Browser-Quellen bringen Overlays in den Stream und mit PipeWire lassen sich unterschiedliche Audioquellen wie Mikrofon, Systemsound oder andere Anwendungen getrennt behandeln.

Dazu kommen weitere OBS-Erweiterungen und natürlich meine Stream Decks, mit denen Szenen gewechselt, Quellen gesteuert und Funktionen ausgelöst werden.

Kurz gesagt:

Mein OBS war unter Windows schon lange kein frisch installiertes Standardprogramm mehr.

Es war ein komplexes, individuell angepasstes Sendestudio.

Und genau davor hatte ich Respekt.

Ein Drucker, der unter Linux nicht funktioniert, wäre ärgerlich gewesen. Dafür hätte sich vermutlich irgendeine Lösung gefunden.

Aber wenn ich mein komplettes Streaming-Setup hätte aufgeben oder massiv zurückbauen müssen, hätte das durchaus ein Grund sein können, zumindest den Gaming- und Streaming-Rechner wieder mit Windows zu betreiben.

Denn nur um Linux nutzen zu können, wollte ich nicht auf all die Funktionen verzichten, die ich mir über Jahre aufgebaut hatte.

Und tatsächlich war der Weg nicht vollkommen reibungslos.

Plugins mussten gefunden und installiert werden. Teilweise mussten Erweiterungen aus Archiven manuell an die richtigen Stellen kopiert werden. Unterschiedliche OBS-Pakete sorgten zeitweise für Konflikte. Manche Quellen funktionieren unter Linux anders als unter Windows.

PipeWire verlangte ein wenig Umdenken beim Audio-Routing und auch bei Bildschirmaufnahme, Browser-Quellen und Stream-Deck-Anbindung mussten wir genauer hinsehen.

Zwischendurch verschwanden nach Paketänderungen sogar Erweiterungen, die anschließend wiederhergestellt werden mussten.

Wir haben Logs gelesen.

Plugin-Verzeichnisse überprüft.

Abhängigkeiten korrigiert.

Und uns teilweise Funktion für Funktion durch das bestehende Setup gearbeitet.

Aber heute läuft es.

Die Canon läuft.

Die GoPro läuft.

Die virtuellen Videogeräte funktionieren.

Meine Szenen und Profile sind vorhanden.

Die Browser-Quellen funktionieren.

Der Advanced Scene Switcher arbeitet.

Meine Übergänge bewegen die Kameras wieder durch die Szenen.

Die Shader funktionieren.

Das Audio funktioniert.

Und auch meine Stream Decks steuern OBS unter Linux.

Nicht jede Lösung entspricht dabei exakt derjenigen unter Windows. Manche Dinge werden unter Linux anders umgesetzt und an einigen Stellen war durchaus Handarbeit notwendig.

Aber ich musste auf mein Streaming-Setup nicht verzichten.

Und wenn selbst dieses über Jahre gewachsene Konstrukt unter Linux funktioniert, verliert die Frage, ob Linux für den normalen Alltag ausreicht, für mich endgültig ihren Schrecken.

OBS war meine größte Sorge.

Heute ist es eines der stärksten Argumente dafür, dass der Wechsel tatsächlich gelungen ist.

Auch Spielen ist längst kein grundsätzliches Problem mehr

Besonders deutlich hat sich Linux beim Thema Gaming verändert.

Natürlich läuft noch immer nicht jedes Spiel. Es gibt weiterhin Hersteller, die Linux bewusst nicht unterstützen oder deren Anti-Cheat-Systeme den Start verhindern.

Wer behauptet, Gaming unter Linux sei vollkommen problemlos, verschweigt einen Teil der Wahrheit.

Aber genauso falsch wäre die Behauptung, Linux eigne sich grundsätzlich nicht zum Spielen.

Steam, Proton und die Arbeit zahlreicher Entwickler haben dafür gesorgt, dass eine große Zahl von Windows-Spielen inzwischen erstaunlich unspektakulär unter Linux läuft.

Oft installiert man ein Spiel, startet es und vergisst nach wenigen Minuten, dass es ursprünglich gar nicht für dieses Betriebssystem entwickelt wurde.

Selbst das Problem mit Easy Anti-Cheat bei Rust ließ sich für mich lösen.

Auch hier zeigte sich wieder:

Das Problem war real.

Aber nicht unüberwindbar.

Ein letztes Stück Windows

Ganz ohne Windows komme allerdings auch ich noch nicht aus.

Das letzte wirkliche Überbleibsel ist Fusion 360.

Für diese Anwendung gibt es bislang keine Linux-Version, die ich einfach installieren und zuverlässig im Alltag verwenden könnte.

Natürlich existieren Versuche über Wine, virtuelle Maschinen oder andere Umwege. Für eine Anwendung, mit der konkrete Projekte bearbeitet werden sollen, möchte ich mich jedoch nicht auf eine fragile Bastellösung verlassen.

Deshalb gibt es weiterhin ein Notebook mit Windows.

Und ehrlich gesagt ist das für mich in Ordnung.

Digitale Unabhängigkeit bedeutet schließlich nicht, aus ideologischen Gründen jede pragmatische Entscheidung abzulehnen.

Es geht nicht darum, Microsoft um jeden Preis vollständig aus dem eigenen Leben zu verbannen.

Es geht darum, nicht mehr davon abhängig zu sein.

Windows ist bei mir inzwischen kein Fundament mehr.

Es ist ein Werkzeug für einen einzelnen, klar abgegrenzten Zweck.

Sollte Fusion 360 eines Tages vernünftig unter Linux laufen oder eine passende Alternative meinen Anforderungen entsprechen, wird vermutlich auch dieses letzte Notebook seinen Sonderstatus verlieren.

Bis dahin darf es bleiben.

Der Wechsel des Betriebssystems war nur ein Teil der Reise

Eigentlich begann diese Entwicklung nicht erst mit CachyOS.

Der Umstieg auf Linux war nur ein weiterer Schritt in einer längeren Reise.

Einer Reise weg von der bequemen, aber immer umfassenderen Abhängigkeit von wenigen großen Anbietern.

Google-Dienste spielen in meinem privaten Alltag inzwischen praktisch keine Rolle mehr.

Auch Microsoft-Dienste bilden nicht länger die Grundlage meiner privaten digitalen Infrastruktur.

Stattdessen betreibe ich meine eigene Cloud.

Sie läuft auf meinem eigenen Server.

Unter Linux.

Auf meiner eigenen Hardware.

Meine Dateien liegen nicht deshalb irgendwo, weil ein Anbieter beschlossen hat, dass dies besonders bequem sei.

Sie liegen dort, weil ich mich bewusst dafür entschieden habe.

Ich bestimme, wer darauf zugreifen darf.

Ich bestimme, welche Dienste laufen.

Ich bestimme, wann etwas aktualisiert wird.

Und vor allem bestimme ich, was mit meinen Daten geschieht.

Das bedeutet nicht, dass eine eigene Infrastruktur automatisch sicherer ist.

Wer einen eigenen Server betreibt, übernimmt auch Verantwortung.

Updates, Backups, Zugriffsrechte, Firewall-Regeln und die Wartung erledigen sich nicht von selbst.

Datenhoheit kommt nicht kostenlos.

Aber sie ist möglich.

Freiheit ist manchmal unbequemer

Die großen Plattformen haben ihren Erfolg nicht allein ihrer Marktmacht zu verdanken.

Sie sind erfolgreich, weil sie vieles sehr bequem machen.

Man meldet sich an, klickt auf ein paar Schaltflächen und muss sich um die Technik dahinter kaum Gedanken machen.

Das ist angenehm.

Gleichzeitig bezahlt man für diese Bequemlichkeit nicht immer nur mit Geld.

Man bezahlt mit Abhängigkeit.

Mit Daten.

Mit immer tiefer miteinander verzahnten Benutzerkonten.

Und gelegentlich mit der Erkenntnis, dass eine Funktion, ein Preis oder eine Nutzungsbedingung geändert wurde, ohne dass man selbst darauf nennenswerten Einfluss besitzt.

Eine eigene Cloud und ein Linux-System verlangen etwas mehr Eigeninitiative.

Dafür erhält man etwas zurück, das in der modernen digitalen Welt zunehmend selten geworden ist:

Kontrolle.

Nicht die Illusion von Kontrolle in Form einer langen Liste von Datenschutzeinstellungen.

Sondern tatsächliche technische Kontrolle.

Und dann ist da noch unsere private Kommunikation

Hinzu kommt ein Thema, das für mich immer stärker mit der Frage nach Datenhoheit verbunden ist:

die Vertraulichkeit unserer privaten Kommunikation.

Unter dem Schlagwort „Chatkontrolle“ wird in der Europäischen Union seit Jahren darüber gestritten, unter welchen Voraussetzungen Anbieter private Kommunikation automatisiert auf Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs untersuchen dürfen und welche Verpflichtungen ihnen künftig auferlegt werden sollen.

Dabei sollte man allerdings sauber unterscheiden.

Seit Juli 2026 gibt es erneut eine befristete europäische Übergangsregelung. Sie ermöglicht es Anbietern, unter bestimmten Voraussetzungen freiwillig Technologien einzusetzen, um Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs aufzudecken, zu melden und zu entfernen.

Diese Regelung soll bis zum 3. April 2028 gelten.

Ende-zu-Ende-verschlüsselte Kommunikation ist davon ausdrücklich ausgenommen.

Damit existiert derzeit also keine gesetzliche Pflicht, sämtliche privaten Nachrichten aller Bürger pauschal zu durchsuchen.

Parallel dazu laufen jedoch weiterhin die Verhandlungen über einen dauerhaften europäischen Rechtsrahmen.

Und genau dort wird die Frage, wie weit Eingriffe in private Kommunikation künftig gehen dürfen und wie Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geschützt wird, weiterhin kontrovers diskutiert.

Dass diese Diskussion notwendig ist, steht außer Frage.

Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein abscheuliches Verbrechen und natürlich müssen Kinder geschützt, Täter verfolgt und entsprechende Inhalte gefunden und entfernt werden.

Aber für mich folgt daraus nicht automatisch, dass wir die Vertraulichkeit privater Kommunikation grundsätzlich zur Disposition stellen sollten.

Interessanterweise erkennt selbst der europäische Gesetzgeber diese Grenze ausdrücklich an:

Eine dauerhafte allgemeine und unterschiedslose Überwachung und Analyse der Kommunikation aller Nutzer wäre mit dem Recht auf Vertraulichkeit der Kommunikation nicht vereinbar.

Und genau an diesem Punkt werde ich hellhörig.

Denn Privatsphäre bedeutet nicht, etwas Illegales verbergen zu wollen.

Wenn ich mit meiner Frau, meinen Kindern oder Freunden schreibe, Bilder austausche oder sehr persönliche Dinge bespreche, dann möchte ich nicht zuerst darüber nachdenken müssen, welche Systeme möglicherweise mitlesen, analysieren oder klassifizieren könnten.

Nicht, weil ich etwas zu verbergen hätte.

Sondern weil es niemanden etwas angeht.

Kinderschutz und Privatsphäre dürfen deshalb für mich nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Eine demokratische und technisch hochentwickelte Gesellschaft sollte in der Lage sein, Kinder wirkungsvoll zu schützen, ohne dafür sämtliche Bürger unter einen digitalen Generalverdacht zu stellen.

Privatsphäre ist kein Luxusgut.

Sie ist ein grundlegender Schutzraum.

Und auch deshalb ist mir die Kontrolle über meine eigenen Daten inzwischen so wichtig geworden.

Man muss nicht alles allein können

Nun wäre es unehrlich, so zu tun, als hätte ich den gesamten Weg ohne Unterstützung bewältigt.

Ich musste vieles lernen.

Ich habe Fehler gemacht, Konfigurationen korrigiert, Logdateien gelesen und mich gelegentlich gefragt, warum etwas gestern noch funktionierte und heute plötzlich anderer Meinung war.

Und ich hatte James.

Meinen digitalen Butler auf Basis von ChatGPT.

Berater, Problemlöser und gelegentlich geduldigen Übersetzer zwischen mir und den weniger gesprächigen Bestandteilen eines Linux-Systems.

Gerade diese Form der Unterstützung verändert aus meiner Sicht sehr viel.

Früher musste man bei einem Linux-Problem häufig zahlreiche Forenbeiträge durchsuchen.

Man fand Lösungen für andere Distributionen, veraltete Befehle oder Diskussionen, in denen nach zwölf Seiten niemand mehr wusste, was eigentlich die ursprüngliche Frage gewesen war.

Heute kann man ein Problem beschreiben, Systemausgaben analysieren lassen und sich schrittweise durch eine Lösung führen lassen.

Das ersetzt nicht das eigene Denken.

Im Gegenteil.

Man sollte verstehen, was ein Befehl verändert, bevor man ihn mit administrativen Rechten ausführt.

Aber man muss eben auch kein langjähriger Linux-Administrator sein, um einen Einstieg zu wagen.

Ein wenig Mut, die Bereitschaft zu lernen und vielleicht ein wenig Unterstützung eines James reichen erstaunlich weit.

Linux ist nicht mehr das Betriebssystem für später

Ich habe Linux lange als etwas betrachtet, das ich vielleicht irgendwann einmal ernsthaft nutzen würde.

Wenn die Spiele besser laufen.

Wenn die Hardwareunterstützung besser wird.

Wenn die Anwendungen ausgereifter sind.

Wenn ich mehr Zeit habe, mich damit zu beschäftigen.

Dieses „irgendwann“ hätte vermutlich noch viele Jahre dauern können.

Doch irgendwann muss man aufhören, nur darüber nachzudenken, und anfangen, es auszuprobieren.

Heute laufen meine Rechner mit CachyOS.

Meine Server laufen mit Linux.

Meine eigene Cloud basiert auf Linux.

Fast meine gesamte private digitale Umgebung funktioniert ohne die Dienste, Konten und Vorgaben der großen Plattformanbieter.

Nicht alles war sofort perfekt.

Aber alles Wesentliche ließ sich lösen.

Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis meiner bisherigen Reise:

Man muss nicht auf die vollkommen problemlose Alternative warten.

Eine solche Alternative gibt es ohnehin nicht.

Man braucht lediglich ein System, dessen Probleme man selbst lösen darf.

Wieder Herr über die eigenen Daten werden

Ich glaube nicht, dass jeder Mensch morgen Windows deinstallieren, sämtliche Cloudkonten löschen und einen eigenen Server in den Keller stellen sollte.

Für viele wäre das weder sinnvoll noch notwendig.

Aber ich glaube, dass wir häufiger hinterfragen sollten, wie selbstverständlich wir unsere digitale Selbstständigkeit abgegeben haben.

Unsere Fotos, Dokumente, Nachrichten, Kontakte und Erinnerungen liegen auf den Systemen weniger Konzerne.

Unsere Geräte funktionieren nur vollständig, solange Benutzerkonten aktiv sind und Anbieter ihre Dienste weiterführen.

Selbst gekaufte Produkte sind zunehmend von Plattformen abhängig, die wir weder kontrollieren noch beeinflussen können.

Der Ausstieg daraus muss nicht radikal erfolgen.

Man kann mit einem einzelnen Rechner beginnen.

Mit einer freien Anwendung.

Mit einem eigenen Dienst.

Oder zunächst nur mit der Frage, ob es wirklich notwendig ist, jede Datei automatisch einem fremden Server anzuvertrauen.

Mein eigener Weg begann ebenfalls nicht mit einem fertigen Plan.

Er bestand aus vielen kleinen Entscheidungen, Versuchen und Lösungen.

Heute, gut zweieinhalb Monate nach der Installation des ersten CachyOS-Rechners, fühlt sich Linux nicht mehr wie ein Experiment an.

Es fühlt sich an, als wäre ich digital wieder ein Stück weit bei mir selbst eingezogen.

Und diesmal gehören mir nicht nur die Möbel.

Diesmal habe ich auch den Schlüssel.

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