Warum ist es eigentlich so schwer, tolerant zu sein?

Die Ursprünge des Homo sapiens liegen in Afrika. Nicht an einem einzigen, klar umrissenen Ort, sondern vermutlich in verschiedenen Populationen, die über große Teile des Kontinents verteilt lebten, sich begegneten, trennten und wieder vermischten.

Von dort aus begann irgendwann die vielleicht größte Reise unserer Geschichte.

Menschen wanderten über Generationen hinweg nach Europa und Asien, erreichten Australien und schließlich auch Amerika. Nicht mit dem Gedanken: „Wir sind eine Menschheit und besiedeln jetzt gemeinsam diesen Planeten.“ Dieses Verständnis gab es natürlich nicht.

Es gab die eigene Familie. Die eigene Sippe. Die eigene Gruppe.

Und das hatte einen ziemlich guten Grund.

Ein einzelner Mensch war verletzlich. Gemeinsam konnte man Nahrung beschaffen, Kinder schützen, Wissen weitergeben und Gefahren abwehren. Zusammenarbeit ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt, die Homo sapiens so erfolgreich gemacht haben.

Gemeinschaft war überlebenswichtig.

Doch wo ein „Wir“ entsteht, entsteht beinahe automatisch auch ein „die anderen“.

Menschen lebten in unterschiedlichen Regionen, beanspruchten Lebensräume, konkurrierten um Nahrung und Ressourcen und verteidigten ihre Gemeinschaften. Später entstanden größere Siedlungen, Reiche, Staaten und irgendwann Herrscher, die sich mit dem vorhandenen Territorium offenbar nicht immer zufriedengeben konnten.

Aus Konflikten zwischen kleinen Gruppen wurden Kriege zwischen Reichen.

Und irgendwann wurden diese Kriege nicht mehr nur mit Land, Macht oder Reichtum begründet. Menschen fanden zusätzlich hervorragende Möglichkeiten, ihren eigenen Interessen einen höheren Sinn zu verleihen.

Man kämpfte für den König.

Für das Vaterland.

Für eine vermeintlich überlegene Kultur.

Und natürlich auch im Namen eines Gottes.

Dabei ist Religion für mich gar nicht der Kern dieses Problems. Ich bin Atheist. Für mein eigenes Verständnis der Welt brauche ich keinen Gott. Ursache und Wirkung, Evolution und Naturwissenschaft reichen mir persönlich vollkommen aus.

Aber ich kann problemlos akzeptieren, dass andere Menschen das anders sehen.

Was mir wesentlich schwerer fällt zu verstehen, ist etwas anderes:

Warum glaubt ein Mensch, seine eigene Überzeugung müsse deshalb auch für alle anderen gelten?

Der Kreis unserer Moral

Vielleicht passiert dabei etwas, das zunächst gar nicht besonders auffällig ist.

Menschen besitzen Moral. Sie können fürsorglich sein, großzügig, hilfsbereit und sogar bereit, große persönliche Opfer für andere zu bringen.

Aber manchmal wird der Kreis derjenigen, für die diese moralischen Regeln gelten, einfach zu klein gezogen.

„Du sollst nicht töten“ wird dann gedanklich zu:

„Du sollst keinen von uns töten.“

„Hilf deinem Mitmenschen“ wird zu:

„Hilf einem von uns.“

Und aus:

„Jeder Mensch verdient Freiheit“

wird plötzlich:

„Jeder Mensch darf frei sein, solange er so lebt, wie wir es für richtig halten.“

Vielleicht erklärt das auch einen Widerspruch, den man immer wieder beobachten kann.

Menschen können innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft unglaublich solidarisch sein. Sie kümmern sich umeinander, helfen in schwierigen Situationen, sammeln Geld für Kranke, unterstützen Familien und stehen füreinander ein.

Und gleichzeitig können dieselben Menschen einer anderen Gruppe mit Ablehnung oder sogar Hass begegnen.

Nicht unbedingt, weil ihnen jede Form von Moral fehlt.

Sondern weil sie entschieden haben, dass diese Moral für bestimmte Menschen nicht oder zumindest weniger gilt.

Und genau dort wird es gefährlich.

Denn eine Gemeinschaft braucht eigentlich keinen Feind.

Aber ein Feind kann eine Gemeinschaft sehr effektiv zusammenschweißen.

Man muss Menschen nur davon überzeugen, dass „die anderen“ etwas bedrohen.

Unsere Kultur.

Unsere Religion.

Unsere Arbeitsplätze.

Unsere Sicherheit.

Unsere Kinder.

Unsere Art zu leben.

Ob diese Bedrohung tatsächlich existiert, spielt irgendwann kaum noch eine Rolle. Entscheidend ist, dass sie geglaubt wird.

Aus „Die sind anders“ wird dann irgendwann „Die sind gefährlich“.

Und aus „Die sind gefährlich“ kann erschreckend schnell werden:

„Gegen die müssen wir etwas tun.“

Dabei sind wir alle miteinander verwandt

Das eigentlich Absurde daran ist:

Heute wissen wir es besser.

Unsere frühen Vorfahren konnten nicht wissen, dass die Menschen hinter dem nächsten Gebirge entfernte Verwandte waren.

Wir schon.

Wir wissen heute, dass es nur eine heute lebende menschliche Spezies gibt: Homo sapiens.

Wir wissen, dass unsere Vorfahren über Jahrtausende und Jahrtausende gewandert sind.

Wir wissen, dass Populationen sich getroffen und miteinander vermischt haben.

Und wir wissen auch, warum Menschen in unterschiedlichen Teilen der Erde teilweise unterschiedlich aussehen.

Eine dunklere Haut beispielsweise ist kein Zeichen einer anderen Art Mensch.

Sie ist unter anderem das Ergebnis einer langen Anpassung an Regionen mit hoher UV-Strahlung. Eine hellere Haut entwickelte sich wiederum unter anderen Umweltbedingungen.

Evolution eben.

Nicht besser.

Nicht schlechter.

Anders.

Und genau das finde ich eigentlich faszinierend.

Wir schauen auf unterschiedliche Hautfarben, Haarstrukturen, Gesichtszüge, Körperformen und viele andere Merkmale und haben daraus irgendwann Kategorien konstruiert, mit denen wir Menschen voneinander unterscheiden.

Dabei erzählen diese Unterschiede eigentlich etwas völlig anderes.

Sie erzählen die Geschichte unserer gemeinsamen Reise über diesen Planeten.

Unsere Vorfahren lebten unter unterschiedlichsten Bedingungen. Sie passten sich an, wanderten weiter, begegneten anderen Menschen und vermischten sich.

Und das Ergebnis steht heute vor uns:

eine kunterbunte Menschheit.

Warum sollte man diese Unterschiede also nur tolerieren?

Warum nicht feiern?

Natürlich muss man auch dabei vorsichtig sein. Evolution produziert keine perfekt an einen bestimmten Ort angepassten Menschentypen, und nicht jedes äußerliche Merkmal ist eine direkte Anpassung an eine bestimmte Umwelt.

Vor allem bedeutet Herkunft niemals, dass jemand irgendwohin „gehört“.

Anpassung erzählt etwas darüber, wo die Vorfahren eines Menschen möglicherweise gelebt haben.

Sie schreibt niemandem vor, wo dieser Mensch heute leben darf.

Ganz im Gegenteil.

Migration ist kein moderner Sonderfall in der Geschichte des Homo sapiens.

Migration ist unsere Geschichte.

Dass Menschen heute unterschiedlichster Herkunft gemeinsam in einer Stadt leben, sich kennenlernen, Freundschaften schließen, sich verlieben und Familien miteinander gründen, ist kein Bruch mit der Geschichte der Menschheit.

Es ist ihre Fortsetzung.

Vielleicht bin ich da einfach anders aufgewachsen

Ich selbst bin mit einem ziemlich einfachen Grundsatz groß geworden:

Andere Menschen dürfen anders sein.

Vielleicht klingt das banal.

Für mich ist es das tatsächlich ein Stück weit.

Ich muss nicht verstehen, warum jemand so lebt, wie er lebt.

Ich muss seine Religion nicht teilen.

Ich muss seine politische Haltung nicht übernehmen.

Ich muss dieselbe Musik nicht mögen, dieselben Traditionen pflegen oder dieselben Vorstellungen davon haben, wie ein glückliches Leben aussieht.

Und ich muss auch nicht nachvollziehen können, warum ein anderer Mensch jemanden liebt, den ich selbst niemals lieben würde.

Warum sollte ich auch?

Es ist schließlich nicht mein Leben.

Eine der sinnvollsten Regeln für eine freie Gesellschaft lautet für mich deshalb sinngemäß:

Meine Freiheit endet dort, wo ich die Freiheit eines anderen verletze.

Nicht dort, wo seine Freiheit beginnt.

Denn unsere Freiheiten können wunderbar nebeneinander existieren.

Wenn zwei Männer sich lieben, verliert ein heterosexuelles Paar dadurch nichts.

Wenn eine Frau eine Frau liebt, verändert das meine Ehe nicht.

Wenn jemand an einen Gott glaubt, nimmt er mir meinen Atheismus nicht.

Und wenn ich keinen Gott brauche, verschwindet dadurch der Glaube eines anderen Menschen nicht.

Wenn jemand aus einem anderen Land stammt, eine andere Hautfarbe hat oder andere Traditionen pflegt, verliert meine eigene Herkunft dadurch nichts an Bedeutung.

Was genau verliert ein Mensch also dadurch, dass ein anderer Mensch anders lebt?

In den allermeisten Fällen:

nichts.

Und vielleicht ist genau deshalb eine bestimmte Haltung für mich so schwer nachvollziehbar:

„Du darfst nicht so sein, weil ich nicht so bin.“

Was für ein merkwürdiger Anspruch.

Toleranz bedeutet nicht Zustimmung

Dabei wird Toleranz manchmal falsch verstanden.

Toleranz bedeutet nicht, dass ich alles gutheißen muss.

Ich darf eine Meinung falsch finden.

Ich darf einer Religion widersprechen.

Ich darf eine politische Forderung kritisieren.

Ich darf sagen:

„Das sehe ich völlig anders.“

Eine freie Gesellschaft braucht Widerspruch.

Aber zwischen

„Ich halte deine Ansicht für falsch“

und

„Du darfst deshalb nicht existieren, nicht lieben, nicht glauben oder nicht so leben“

liegt ein gewaltiger Unterschied.

Und genau hier liegt auch die Grenze der Toleranz.

Wer seine Freiheit dazu benutzt, anderen Menschen ihre Freiheit abzusprechen, kann sich nicht darauf berufen, dass dies eben seine persönliche Meinung sei.

Freiheit ist keine Einbahnstraße.

Ich kann nicht für mich selbst maximale Freiheit verlangen und gleichzeitig darüber entscheiden wollen, welche Freiheit anderen Menschen zusteht.

Und trotzdem ziehen wir wieder Grenzen

Eigentlich hätte man glauben können, dass zumindest die Grundidee der Aufklärung uns irgendwann weiterbringt.

Menschenrechte.

Religionsfreiheit.

Gleichheit vor dem Gesetz.

Das Recht des Individuums, sein Leben selbst zu gestalten.

Wir haben all diese Gedanken formuliert.

Wir haben Staaten und Verfassungen darauf aufgebaut.

Wir können heute innerhalb von Sekunden mit Menschen auf der anderen Seite des Planeten sprechen.

Wir sehen, wie Menschen dort leben.

Wir hören ihre Musik.

Wir essen ihre Gerichte.

Wir schauen ihre Filme.

Wir verlieben uns über Länder-, Kultur- und Religionsgrenzen hinweg.

Technologisch ist unsere Welt so klein geworden wie nie zuvor.

Und trotzdem ziehen manche Menschen ihre geistigen Grenzen wieder enger.

Sie suchen neue Gruppen.

Neue Feindbilder.

Neue Gründe dafür, warum „wir“ angeblich gegen „die anderen“ kämpfen müssten.

Und manchmal bleibt es nicht bei Worten.

Menschen werden beleidigt, verfolgt und angegriffen, weil sie anders aussehen, anders glauben oder anders lieben.

Im schlimmsten Fall werden Menschen getötet, weil ein anderer beschlossen hat, dass ihre Existenz nicht in sein Weltbild passt.

Und genau an diesem Punkt verstehe ich es nicht mehr.

Vielleicht will ich es auch gar nicht verstehen.

Denn welches Weltbild kann so zerbrechlich sein, dass es die Existenz eines anderen Menschen nicht aushält?

Vielleicht müssen wir unser „Wir“ einfach größer machen

Ich glaube nicht, dass die Lösung darin besteht, Gruppen abzuschaffen.

Das wäre weder möglich noch wünschenswert.

Wir brauchen Gemeinschaft.

Familien sind Gemeinschaften.

Freundeskreise sind Gemeinschaften.

Vereine, Städte, Kulturen, Religionen und Länder können Gemeinschaften sein.

Menschen möchten irgendwo dazugehören.

Daran ist überhaupt nichts falsch.

Die Frage ist nur, wo wir die Grenze unseres „Wir“ ziehen.

Vielleicht muss ich nicht aufhören, Deutscher zu sein, um gleichzeitig Europäer zu sein.

Und ich muss nicht aufhören, Europäer zu sein, um mich gleichzeitig als Teil einer weltweiten Gemeinschaft zu verstehen.

Vielleicht steht über all diesen Gruppen noch eine wesentlich größere.

Wir Menschen.

Eine Spezies.

Entstanden aus einer gemeinsamen Geschichte und heute verteilt über einen ganzen Planeten.

Acht Milliarden Individuen.

Unterschiedliche Hautfarben.

Unterschiedliche Körper.

Unterschiedliche Sprachen.

Unterschiedliche Kulturen.

Unterschiedliche Überzeugungen.

Unterschiedliche Arten zu lieben.

Kunterbunt.

Und verdammt noch mal – ist das nicht eigentlich großartig?

Vielleicht ist Toleranz deshalb sogar das falsche Wort.

Denn etwas zu tolerieren bedeutet letztlich nur, etwas auszuhalten.

Ich möchte andere Menschen aber nicht bloß „aushalten“.

Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der wir begreifen, dass Unterschiedlichkeit kein Problem ist, das wir irgendwie bewältigen müssen.

Sie gehört zu uns.

Und vielleicht wäre die Welt ein deutlich angenehmerer Ort, wenn wir endlich aufhören würden, ständig danach zu suchen, was uns voneinander trennt – und stattdessen ein wenig neugieriger darauf wären, was den Menschen neben uns einzigartig macht.

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