Ich bin „links-grün versifft“? Mist! 😅

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Offenbar bin ich links-grün versifft.

Zumindest könnte man diesen Eindruck bekommen, wenn man sich anschaut, welche Dinge ich für richtig halte.

Ich fahre lieber mit dem Fahrrad, wenn es sich anbietet. Unser Strom stammt zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien. Ich versuche, Dinge nicht sofort wegzuwerfen, nur weil irgendwo bereits das glänzende Nachfolgemodell im Regal steht. Ich repariere, wenn es sich reparieren lässt. Ich denke darüber nach, was ich kaufe, wie viel Energie wir verbrauchen und ob ich Dinge wirklich brauche.

Ich halte den menschengemachten Klimawandel für real.

Nicht, weil mir das irgendeine Partei erzählt.

Sondern weil Wissenschaft keine Abstimmung darüber veranstaltet, welche Erkenntnisse mir gerade politisch in den Kram passen.

Und dann kommt auch noch hinzu, dass ich der Meinung bin, dass Menschen ihr Leben grundsätzlich so führen sollten, wie sie es möchten.

Frauen dürfen Frauen lieben. Männer dürfen Männer lieben. Menschen dürfen trans sein. Sie dürfen queer sein. Sie dürfen sich irgendeinem Buchstaben aus LGBTQ+ zugehörig fühlen oder auch überhaupt keinem.

Sie dürfen an Gott glauben.

An welchen auch immer.

Und sie dürfen genauso gut an überhaupt keinen glauben.

Mir persönlich ist es ziemlich egal, mit welchem Menschen jemand abends ins Bett geht, welche Geschlechtsidentität jemand hat oder ob jemand sonntags in einer Kirche sitzt, freitags in einer Moschee betet oder am Wochenende lieber ausschläft.

Solange daraus niemandem ein Nachteil entsteht.

Und vielleicht liegt genau darin das Problem.

Denn wenn das alles bereits ausreicht, um heute „links-grün versifft“ zu sein, dann muss ich wohl damit leben.

Freiheit ist ziemlich großartig

Ich halte Freiheit für eines der wichtigsten Güter überhaupt.

Jeder Mensch sollte sein Leben weitestgehend selbst bestimmen dürfen.

Du möchtest heiraten? Mach.

Du möchtest niemals heiraten? Auch gut.

Du möchtest Kinder? Wunderbar.

Du möchtest keine? Deine Entscheidung.

Du möchtest an Gott glauben? Bitte.

Du möchtest Dich über Religion lustig machen? Solange Du dabei nicht den Menschen ihre Würde absprichst: ebenfalls Deine Sache.

Du möchtest einen Mann lieben, obwohl Du selbst ein Mann bist?

Ganz ehrlich: Was genau sollte mich das angehen?

Vielleicht ist meine Vorstellung von Freiheit tatsächlich ziemlich simpel:

Mach mit Deinem Leben, was Du möchtest. Liebe, wen Du möchtest. Sei, wer Du sein möchtest. Glaube, was Du möchtest. Solange Du anderen Menschen damit nicht schadest.

Und genau bei diesem letzten Satz wird es interessant.

Denn Freiheit endet eben nicht bei der Frage nach Religion, Sexualität oder persönlicher Lebensgestaltung.

Freiheit bedeutet auch Verantwortung.

Meine Freiheit endet nicht erst an Deiner Nasenspitze

Wir verwenden gerne Sätze wie:

„Das ist doch meine Entscheidung.“

„Das ist meine Freiheit.“

„Das geht niemanden etwas an.“

Und häufig stimmt das sogar.

Aber eben nicht immer.

Ich kann schließlich auch nicht behaupten, es sei meine persönliche Freiheit, mein Altöl in den nächsten Bach zu kippen.

Ich darf meinen Müll nicht einfach auf die Straße werfen.

Ich darf mit meinem Auto nicht mit 150 km/h durch eine Spielstraße fahren und anschließend erklären, der Staat beschneide meine Freiheit.

Warum nicht?

Weil meine Handlungen Auswirkungen auf andere Menschen haben.

Eigentlich ist dieses Prinzip gesellschaftlich vollkommen normal.

Wir schränken unsere persönliche Freiheit ständig dort ein, wo unser Verhalten anderen Menschen erheblich schaden könnte.

Und genau deshalb verstehe ich diese merkwürdige Trennung beim Umweltschutz nicht.

Denn auch dort hat mein Verhalten Auswirkungen.

Vielleicht nicht immer sofort.

Vielleicht sehe ich den Schaden nicht unmittelbar vor meiner Haustür.

Vielleicht trifft er nicht einmal mich.

Aber deswegen verschwindet er doch nicht.

Der Planet gehört nicht mir

Wenn ich Ressourcen verschwende, unnötig Energie verbrauche oder mich bewusst für eine deutlich umweltschädlichere Alternative entscheide, obwohl eine vernünftige andere Möglichkeit vorhanden wäre, betrifft das eben nicht ausschließlich mich.

Wir teilen uns diesen Planeten.

Mit ungefähr acht Milliarden anderen Menschen.

Und – eine kleine Unverschämtheit der Natur – mit den Generationen, die nach uns kommen.

Die Erde gehört mir nicht.

Ich habe keinen größeren Anspruch auf ihre Ressourcen als irgendein anderer Mensch.

Und schon gar nicht das Recht, zu sagen:

„Nach mir die Sintflut.“

Natürlich rette ich mit meiner Entscheidung, für eine kurze Strecke das Fahrrad zu nehmen, nicht das Weltklima.

Ich bilde mir auch nicht ein, dass irgendwo ein Eisbär erleichtert aufatmet, wenn Bernie sich aufs Rad setzt.

Aber darum geht es überhaupt nicht.

Es geht um eine viel einfachere Frage:

Wenn ich weiß, dass eine Variante weniger Schaden verursacht und sie für mich ohne großen Nachteil möglich ist – warum sollte ich mich dann bewusst für die schlechtere entscheiden?

Deshalb fahre ich gerne Fahrrad.

Nicht immer.

Nicht überall.

Und schon gar nicht mit dem Anspruch, dass deshalb jetzt jeder Mensch sein Auto verschrotten sollte.

Aber wenn ich etwas mit dem Fahrrad erledigen kann, dann kann ich eben das Fahrrad nehmen.

Das hält mich nebenbei in Bewegung, benötigt kaum Energie und verursacht dabei praktisch keine lokalen Abgase.

Für mich ist das kein Verzicht.

Es ist schlicht die sinnvollere Entscheidung.

Unser Strom ist grün

Ähnlich sieht es beim Strom aus.

Bei uns kommt 100 Prozent Ökostrom aus der Steckdose – beziehungsweise, bevor sich jemand an dieser Formulierung festbeißt: Natürlich fließen aus meiner Steckdose dieselben Elektronen wie bei den Nachbarn. Entscheidend ist, welche Stromerzeugung ich mit meinem Tarif finanziere.

Auch hier ist der Gedanke ziemlich banal.

Wir brauchen Strom.

Sehr viel sogar.

Computer, Server, Waschmaschine, Kühlschrank, Beleuchtung, Unterhaltungselektronik – unser Haushalt ist definitiv keine stromlose Selbstversorgerhütte irgendwo im Wald.

Und gerade deshalb finde ich es sinnvoll, mir Gedanken darüber zu machen, woher diese Energie kommt.

Wenn ich ohnehin Geld für Strom ausgebe und dabei die Möglichkeit habe, erneuerbare Stromerzeugung zu unterstützen, warum sollte ich es nicht tun?

Das macht mich nicht zum besseren Menschen.

Es macht auch meinen eigenen ökologischen Fußabdruck nicht plötzlich unsichtbar.

Es ist einfach eine Entscheidung.

Reparieren ist manchmal revolutionärer als Kaufen

Dasselbe gilt für Konsum.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der uns permanent erklärt wird, dass wir etwas Neues brauchen.

Das neue Smartphone.

Den neuen Fernseher.

Den schnelleren Rechner.

Das modernere Auto.

Die neue Kaffeemaschine, die nun offenbar Dinge kann, von denen ich bislang nicht einmal wusste, dass eine Kaffeemaschine sie können muss.

Und ja – ich mag Technik.

Sehr sogar.

Ich wäre vermutlich einer der denkbar ungeeignetsten Menschen, um einen Artikel über vollständigen Konsumverzicht zu schreiben.

Aber Technik zu mögen bedeutet für mich nicht automatisch, alles wegzuwerfen, sobald etwas Neueres erscheint.

Wenn etwas funktioniert, darf es weiter funktionieren.

Wenn etwas kaputtgeht und repariert werden kann, kann man es reparieren.

Wenn man etwas gebraucht kaufen kann, ist das manchmal vollkommen ausreichend.

Und wenn ich etwas wirklich nicht mehr brauche, kann vielleicht jemand anderes noch etwas damit anfangen.

Eigentlich waren solche Gedanken früher völlig normal.

Heute nennt man sie plötzlich Nachhaltigkeit.

Meine Großeltern hätten vermutlich einfach „vernünftig“ dazu gesagt.

Auch beim Essen kann man nachdenken

Bei Lebensmitteln ist es ähnlich.

Ich halte wenig davon, Ernährung zu einer Religion zu machen.

Kaum ein Thema schafft es inzwischen so zuverlässig, Menschen gegeneinander aufzubringen.

Vegan gegen Fleischesser.

Bio gegen konventionell.

Regional gegen importiert.

Und spätestens nach drei Kommentaren erklärt irgendjemand allen anderen, warum ausschließlich seine Ernährungsweise moralisch akzeptabel ist.

Das ist nicht meine Welt.

Ich möchte mir aber trotzdem Gedanken darüber machen dürfen, was ich kaufe.

Wo etwas herkommt.

Wie es hergestellt wurde.

Ob Lebensmittel unnötig weggeworfen werden.

Ob ich wirklich alles ständig und zu jeder Jahreszeit verfügbar haben muss.

Auch hier gilt für mich:

Nicht Perfektion ist das Ziel.

Bewusstsein ist es.

Und dann wären da noch die Menschen

Vielleicht ist das sogar der Teil, bei dem das Etikett „links-grün versifft“ besonders schnell herausgeholt wird.

Ich habe nämlich ein fundamentales Problem damit, anderen Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben, wenn deren Leben mich überhaupt nicht beeinträchtigt.

LGBTQ+?

Ja, finde ich gut.

Nicht deshalb, weil ich glaube, dass jede Organisation, jeder Aktivist oder jede einzelne Position, die unter diesem riesigen Sammelbegriff auftaucht, automatisch richtig sein muss.

Das wäre genauso unsinnig wie bei jeder anderen Bewegung.

Sondern weil dahinter etwas steht, das ich grundsätzlich richtig finde:

Menschen sollen sie selbst sein können.

Ohne Angst.

Ohne sich verstecken zu müssen.

Und ohne dass irgendein Fremder glaubt, darüber abstimmen zu dürfen, wen sie lieben.

Vielleicht betrachte ich dieses Thema durch persönliche Erfahrungen noch einmal etwas anders. Aber selbst die braucht es eigentlich nicht.

Es reicht vollkommen aus, sich eine ziemlich einfache Frage zu stellen:

Welchen Nachteil habe ich dadurch, dass zwei andere erwachsene Menschen sich lieben?

Mir fällt keiner ein.

Also geht es mich nichts an.

Das ist für mich Freiheit.

Auch Religion gehört dazu

Und hier wird es vielleicht für manche überraschend.

Denn wer mich kennt, weiß, dass ich überzeugter Atheist bin – mit allen psychischen „Schäden“, die man mir daraus gerne als Konsequenz zuschreibt – und dass Religion bei mir persönlich keinen besonders hohen Stellenwert genießt.

Trotzdem möchte ich in einer Gesellschaft leben, in der Menschen glauben dürfen.

Nicht, weil ich ihren Glauben teilen muss.

Sondern weil Freiheit nur dann etwas wert ist, wenn sie auch für Menschen gilt, deren Entscheidungen ich selbst nicht treffen würde.

Ein Christ soll Christ sein dürfen.

Ein Muslim soll Muslim sein dürfen.

Ein Jude soll Jude sein dürfen.

Ein Buddhist Buddhist.

Und ein Atheist eben Atheist.

Problematisch wird es für mich erst dort, wo aus dem persönlichen Glauben plötzlich ein Anspruch entsteht, das Leben anderer Menschen bestimmen zu wollen.

Wenn Deine Religion Dir sagt, dass Du etwas nicht tun sollst:

Dann tu es nicht.

Wenn Deine Religion Dir sagt, dass ich etwas nicht tun darf:

Dann haben wir ein Problem.

Eigentlich wieder derselbe Grundsatz.

Deine Freiheit endet dort, wo Du beginnst, die Freiheit anderer Menschen einzuschränken.

Nein, das ist kein Parteiprogramm

Und bevor jetzt jemand auf die Idee kommt:

Nein.

Das ist kein Liebesbrief an Bündnis 90/Die Grünen.

Ganz und gar nicht.

Auch diese Partei schafft es regelmäßig, in politische Fettnäpfchen zu treten.

Und einige dieser Fettnäpfchen besitzen inzwischen ungefähr die Dimension eines olympischen Wettkampfschwimmbeckens.

Nur weil ich Klimaschutz für notwendig halte, muss ich nicht jede politische Maßnahme gut finden, die mit „Klimaschutz“ überschrieben wird.

Nur weil ich erneuerbare Energien sinnvoll finde, muss ich nicht jede energiepolitische Entscheidung beklatschen.

Und nur weil ich gesellschaftlich liberal denke, muss ich nicht jede Aussage gutheißen, die jemand aus einem vermeintlich progressiven Lager tätigt.

Parteien dürfen kritisiert werden.

Alle.

Auch diejenigen, deren Positionen einem in einigen Bereichen näherstehen.

Vielleicht sogar gerade die.

Denn Politik ist nicht Fußball – auch wenn die FIFA mit ihren wiederkehrenden Schlagzeilen über Korruption, Menschenrechtsfragen und fragwürdige Entscheidungen regelmäßig das Gegenteil nahelegt.

Ich muss mir keinen Schal umhängen und anschließend jede Fehlentscheidung meiner Mannschaft verteidigen.

Wissenschaft ist auch keine Partei

Beim Klima wird diese politische Sortierung besonders absurd.

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse werden nicht dadurch links oder rechts, dass einem ihre Konsequenzen gefallen oder nicht gefallen.

CO₂-Moleküle besitzen kein Parteibuch.

Physik interessiert sich nicht für Wahlprogramme.

Messwerte ändern sich nicht dadurch, dass jemand sie auf Facebook doof findet.

Natürlich darf und muss man darüber diskutieren, wie wir auf wissenschaftliche Erkenntnisse reagieren.

Welche Maßnahmen funktionieren?

Welche sind sozial verträglich?

Welche kosten viel und bringen wenig?

Welche Technologien sollten wir fördern?

Welche Übergangszeiten sind realistisch?

Das sind politische Fragen.

Aber die zugrunde liegenden Tatsachen verschwinden nicht dadurch, dass uns mögliche Konsequenzen unbequem erscheinen.

Und wenn die Evidenz zeigt, dass menschliches Handeln das Klima verändert, dann halte ich es für vernünftig, darauf zu reagieren.

Nicht links.

Nicht grün.

Vernünftig.

Ich bin auch nicht perfekt

Bei all dem sollte ich eines vielleicht besonders deutlich sagen:

Ich bin kein Musterbeispiel für perfektes nachhaltiges Leben.

Nicht einmal annähernd.

Ich besitze jede Menge Technik.

Ich verbrauche Strom – grünen zwar, aber nicht gerade wenig.

Ich kaufe Dinge, die ich vermutlich nicht zum nackten Überleben benötige.

Ich fahre Auto, wenn ich denn unbedingt muss.

Ich produziere Müll, denn es geht kaum ohne.

Ich esse Dinge, deren ökologische Bilanz sicherlich optimierbar wäre.

Kurz gesagt:

Ich bin ein ganz normaler Mensch in einer modernen Industrienation.

Und genau deshalb halte ich dieses ständige Alles-oder-nichts beim Thema Nachhaltigkeit für Unsinn.

„Du fliegst in den Urlaub, Du bist ein Umweltzerstörer!“ (Ich fliege übrigens nicht in den Urlaub – nicht aus moralischer Überlegenheit, sondern ganz banal, weil ich es nicht gut vertrage und mich dabei schlicht unwohl fühle. Wenn es nach mir ginge, würde ich mich lieber auf andere Arten fortbewegen, die für mich funktionieren.)

„Du besitzt einen Computer, also bist Du kein Umweltschützer.“

„Du isst Fleisch, also brauchst Du über Nachhaltigkeit nicht reden.“

Was soll das bringen?

Wenn Nachhaltigkeit erst dann zählt, wenn jemand konsequent auf jede Annehmlichkeit moderner Zivilisation verzichtet, werden wir niemals irgendetwas verändern.

Es geht nicht darum, perfekt zu sein.

Es geht darum, bessere Entscheidungen zu treffen, wenn wir die Möglichkeit dazu haben.

Millionen nicht perfekte Entscheidungen in eine bessere Richtung bringen vermutlich erheblich mehr als eine Handvoll Menschen, die vollkommen perfekt lebt.

Was, wenn es nur zehn Prozent wären?

Und dann gibt es da noch dieses Argument, das bei solchen Themen fast zwangsläufig irgendwann auftaucht:

„Was bringt es denn, wenn Du das machst?“

Eine ganze Menge – wenn ich nicht der Einzige bleibe.

Nein, ich glaube nicht, dass die Welt morgen gerettet wäre, wenn zehn Prozent der Menschen genauso leben würden wie ich. Und selbstverständlich wäre mir lieber, wenn hundert Prozent der Menschheit bewusster mit ihrer Umwelt, ihren Ressourcen und vor allem miteinander umgehen würden.

Aber fangen wir doch einmal mit zehn Prozent an.

Was wäre, wenn zehn Prozent mehr Menschen bei einer kurzen Strecke überlegen würden, ob es wirklich das Auto sein muss?

Wenn zehn Prozent mehr Menschen beim Strom darauf achten würden, wie er erzeugt wird?

Wenn zehn Prozent mehr Menschen ein Gerät noch einmal reparieren, weitergeben oder gebraucht kaufen würden, anstatt es sofort durch etwas Neues zu ersetzen?

Wenn zehn Prozent mehr Menschen Lebensmittel weniger verschwenden würden?

Das allein würde die Welt nicht retten.

Aber es wäre verdammt noch mal ein Anfang.

Und jetzt übertragen wir denselben Gedanken auf unseren Umgang miteinander.

Was wäre, wenn zehn Prozent mehr Menschen sich bei einem anderen Menschen einfach einmal fragen würden:

„Schadet mir wirklich, wie dieser Mensch lebt – oder gefällt mir nur nicht, dass er anders lebt als ich?“

Wenn zehn Prozent mehr Menschen aufhörten, sich dafür zu interessieren, ob der Nachbar schwul, lesbisch, trans, queer, christlich, muslimisch, jüdisch, atheistisch oder sonst irgendetwas ist, solange er anderen damit nicht schadet?

Wenn zehn Prozent mehr Menschen nicht zuerst danach fragen würden, was für sie selbst dabei herausspringt, sondern gelegentlich auch danach, welche Folgen ihre Entscheidungen für andere haben?

Ich bin ziemlich sicher:

Unsere Welt wäre ein gutes Stück angenehmer.

Wir würden damit nicht plötzlich sämtliche Kriege, Wirtschaftskrisen, politischen Konflikte oder Naturkatastrophen beseitigen. So einfach funktioniert die Welt leider nicht.

Aber einige unserer Probleme wären kleiner.

Wir hätten weniger Ressourcenverschwendung.

Weniger unnötige Umweltbelastung.

Vielleicht etwas weniger Hass auf Menschen, die anders sind.

Weniger dieses ständige Bedürfnis, das eigene Leben zum Maßstab für das Leben aller anderen zu machen.

Und wahrscheinlich auch ein bisschen mehr Bereitschaft, Probleme gemeinsam zu lösen, anstatt immer zuerst danach zu suchen, wer schuld ist.

Das Interessante daran ist:

Niemand müsste dafür perfekt werden.

Niemand müsste sein gesamtes Leben auf den Kopf stellen – Naja… außer hauptberufliche Hassprediger vielleicht…

Und niemand müsste morgens aufstehen und beschließen, ab heute ein moralisch vollkommener Mensch zu sein.

Es würden schon viele kleine Entscheidungen reichen.

Zehn Prozent hier.

Zehn Prozent dort.

Und irgendwann werden aus vielen kleinen Veränderungen ziemlich große.

Vielleicht ist genau das ohnehin der Fehler unserer Zeit: Wir glauben ständig, dass eine Handlung nur dann sinnvoll sein kann, wenn sie allein das gesamte Problem löst.

Mein Fahrrad rettet das Klima nicht.

Mein Ökostrom beendet nicht die Erderwärmung.

Dass ich einen homosexuellen Menschen in Ruhe sein Leben leben lasse, beendet nicht die Diskriminierung.

Dass ich etwas repariere, stoppt nicht die Wegwerfgesellschaft.

Natürlich nicht.

Aber das Gegenteil ist genauso wahr:

Wenn Millionen Menschen nichts ändern, weil ihre einzelne Handlung angeblich nichts bringt, ändert sich garantiert nichts.

Vielleicht geht es einfach um Verantwortung

Und damit lande ich wieder bei meinem Ausgangspunkt.

Vielleicht bin ich tatsächlich links-grün versifft.

Vielleicht bin ich aber auch einfach der Meinung, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören.

Ich möchte selbst bestimmen dürfen, wie ich lebe.

Also gestehe ich dieses Recht auch anderen Menschen zu.

Ich möchte, dass meine Kinder und deren Kinder auf diesem Planeten vernünftig leben können.

Also versuche ich, meinen Anteil daran zu leisten, ihn nicht unnötig kaputtzumachen.

Ich möchte respektiert werden.

Also versuche ich, andere Menschen ebenfalls zu respektieren.

Ich möchte nicht, dass andere ihre Weltanschauung über mein Leben stellen.

Also sollte ich meine auch nicht über ihres stellen.

Und ich weiß, dass ich alleine die Welt nicht verändern werde.

Aber das muss ich auch gar nicht.

Wenn nur zehn Prozent meiner Mitmenschen ähnlich dächten – bewusster konsumierten, etwas nachhaltiger handelten, Ressourcen nicht unnötig verschwendeten und anderen Menschen schlicht zugestünden, ihr eigenes Leben zu führen –, wäre die Welt meiner Meinung nach bereits ein ganzes Stück besser.

Hundert Prozent wären mir natürlich lieber.

Aber irgendwo muss man schließlich anfangen.

Eigentlich ist das alles erstaunlich unspektakulär.

Lebe Dein Leben.

Liebe, wen Du möchtest.

Glaube, woran Du möchtest.

Sei, wer Du bist.

Aber vergiss dabei nicht, dass noch andere Menschen auf diesem Planeten leben.

Und dass nach uns noch welche kommen sollen.

Wenn mich diese Haltung heute „links-grün versifft“ macht …

… dann bin ich es eben.

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