Der Flächenbrand ist da und wir sitzen wieder nur daneben

Es gibt diese Momente, in denen man sich wünscht, mit der eigenen düsteren Ahnung einfach falsch gelegen zu haben. (Siehe diesen Beitrag.)

So ein Moment ist das hier nicht.

Was sich seit Wochen im Nahen Osten aufgebaut hat, ist nicht einfach irgendeine weitere Krise, die uns in den Nachrichten kurz erschreckt und dann wieder im täglichen Lärm verschwindet. Es ist der Moment, in dem aus Zündeln ein Flächenbrand geworden ist. Und natürlich musste wieder ein Mann mit zu viel Macht, zu wenig Demut und einem Ego von der Größe eines Planeten glauben, er könne mit Krieg Ordnung schaffen.

Donald Trump hat genau das getan. Er hat mitgezündelt. Nicht allein, nein. Aber entscheidend. Reuters berichtet, dass Trump Ende Februar die Angriffe auf Iran freigegeben hat, nachdem Netanyahu massiv auf dieses Vorgehen gedrängt hatte. Die Kämpfe laufen weiter, selbst die von Trump verkündete Pause betrifft laut Reuters nur iranische Energieziele, nicht die übrigen Militärschläge. (Reuters)

Und genau da liegt der Kern des Irrsinns. Wieder wird Krieg verkauft wie eine Mischung aus Stärke, Strategie und historischer Notwendigkeit. Wieder gibt es große Worte, aber keinen belastbaren Plan für das Danach. Schon kurz nach Beginn der Angriffe hieß es selbst aus Washington, dass es keinen klaren Tag danach Plan gebe. Europa hält sich auf Distanz, Deutschland spricht offen aus, was eigentlich jeder mit einem Mindestmaß an Restverstand erkennt: Das ist nicht unser Krieg, und doch ist er für uns hier in Europa brandgefährlich. (Investing.com)

Trump wirkt dabei nicht wie ein Stratege. Er wirkt wie ein Mann, der sich selbst für den Dirigenten der Weltgeschichte hält, während er in Wahrheit schon Mühe hat, den eigenen Taktstock festzuhalten. Paranoid, sprunghaft, unlogisch. Und gleichzeitig gefährlich simpel. Einer, der sich von Einfluss, Machtfantasien und dem Applaus der Falschen treiben lässt. Eine Marionette mit Atomblick bleibt eben trotzdem eine Marionette. Nur leider eine, die ganze Regionen in Brand setzen kann.

Und wir in Europa sitzen nicht außerhalb dieses Infernos. Wir sitzen daneben und tun noch immer so, als beträfe uns das alles nur indirekt. Als wären explodierende Ölpreise, verunsicherte Märkte, gefährdete Lieferketten und eine neue Welle geopolitischer Erpressbarkeit nur Randnotizen. Dabei sind sie längst dabei, sich in unsere Wohnzimmer, unsere Tankrechnungen, unsere Nebenkosten und unsere Lebensmittelpreise zu fressen. In Deutschland ist die Stimmung in der Wirtschaft bereits eingebrochen. Das ZEW Stimmungsbarometer fiel im März massiv und der Konflikt im Nahen Osten wurde ausdrücklich als Grund genannt. (Reuters)

Das perfide daran ist nicht nur der wirtschaftliche Schaden. Es ist der politische Folgeschaden. Denn wann immer Angst wächst, Orientierung schwindet und Wohlstand bröckelt, stehen sie schon bereit, die einfachen Parolen, die billigen Schuldigen, die falschen Retter. Genau in diesem Klima gedeihen die radikalen Kräfte. Genau in diesem Klima wächst die AfD weiter. Reuters beschreibt die Partei inzwischen klar als zweitstärkste Kraft auf Bundesebene. Bei der Landtagswahl in Rheinland Pfalz kam sie auf rund 20 Prozent und wurde stärkste Oppositionskraft. (Reuters)

Und das ist es, was mir fast noch mehr Angst macht als der Ölpreis oder die nächste Eskalationsstufe. Nicht nur der Krieg dort. Sondern das, was er hier politisch auslöst. Denn Wohlstand ist nicht nur Geld. Wohlstand ist Spielraum. Ruhe. Sicherheit. Freiheit. Die Möglichkeit, nicht jeden Tag nur mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Wenn dieser Wohlstand zerbricht, zerbröselt mit ihm auch die demokratische Gelassenheit eines Landes. Dann kommen die Lauten nach vorn. Die Einfachen. Die Autoritären. Die, die für jedes Problem einen Feind und für jede Angst einen Sündenbock parat haben.

Vielleicht ist genau das die bitterste Erkenntnis an dieser ganzen Entwicklung. Dass wir nicht nur dabei zusehen, wie irgendwo ein Krieg eskaliert. Wir sehen dabei zu, wie unsere eigene Stabilität angefressen wird. Scheibchenweise. Erst wirtschaftlich. Dann gesellschaftlich. Dann politisch.

Und wir Menschen, ach ja, wir Menschen, bleiben uns wieder einmal treu. Wir treffen zuverlässig die dümmsten Entscheidungen immer genau dann, wenn Besonnenheit überlebenswichtig wäre. Wir wählen Brandstifter und wundern uns dann über Rauch.

Der Flächenbrand ist da.

Und diesmal wird niemand ehrlich behaupten können, man habe es nicht kommen sehen.

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