Die Welt im Imperiumsmodus und wir sitzen daneben

Stand: 6. Januar 2026

Ich habe heute wieder Nachrichten gelesen. Nicht überflogen. Gelesen. Und ich merke, wie sich in mir etwas zusammenzieht, das ich früher nur aus düsteren Romanen kannte: dieses Gefühl, dass Mächtige gerade testen, wie weit sie gehen dürfen, bevor jemand ihnen wirklich in den Arm fällt.

Und wenn man einmal anfängt, diese Muster zu sehen, dann wird es schwer, wieder wegzuschauen.

Venezuela: Kein Einmarsch, aber ein Präzedenzfall mit Sprengkraft

Die USA haben Nicolás Maduro in einer militärischen Operation in Caracas festgesetzt und in die USA gebracht. In New York stand er inzwischen vor Gericht, plädierte auf nicht schuldig und nannte das Ganze eine Entführung.

Der gefährliche Teil ist nicht, ob man Maduro politisch verachtet oder nicht. Der gefährliche Teil ist, dass damit ein Präzedenzfall geschaffen wurde: Ein Staatschef wird mit Militär aus einem Land geholt und das wird als Mischung aus Strafverfolgung und Machtpolitik verkauft. Selbst Reuters legt den Finger genau in diese Wunde, inklusive der Frage nach internationaler Legalität und dem Verweis, dass internationale Regeln in der Praxis oft schwach durchsetzbar sind.

Und ja, der Punkt sitzt: In Caracas wurde Delcy Rodríguez nach Berichten als Interimslösung vereidigt, nachdem ein venezolanisches Gericht sie dazu bestimmt habe. Parallel sagte Trump öffentlich, die USA würden Venezuela vorübergehend “führen”, bis eine Übergabe möglich sei. Wie genau das aussehen soll, ist selbst in der Berichterstattung als unklar beschrieben.

Das ist keine “klassische Invasion” mit Besatzung und Flagge auf dem Palast. Aber es ist militärische Realität auf fremdem Boden. Und so etwas merken sich andere Mächte.

Grönland: Aus Fantasie wird Druck

Kurz danach geht das Gerede weiter: Grönland. Trump erneuert die Ansprüche, Grönlands Regierung reagiert mit einem klaren Nein, und Dänemarks Ministerpräsidentin warnt öffentlich, ein Angriff würde das Bündnis NATO zerreißen.

Ob daraus morgen Panzer werden, glaube ich nicht. Aber Druck muss nicht mit Panzern anfangen. Druck beginnt mit Rhetorik, Sondergesandten, Deals, Einflussnahme, dem ständigen Verschieben dessen, was man plötzlich laut sagen darf.

Berlin: Ein Brand und zehntausende sitzen im Dunkeln

Und dann Berlin. Eine Kabelbrücke am Kraftwerk Lichterfelde. Feuer. Kaputte Leitungen. Und plötzlich sind zehntausende Haushalte im Südwesten unserer Hauptstadt ohne Strom, teils ohne Heizung. Mitten im Winter.

Eine Gruppe, die sich Vulkangruppe nennt, hat sich dazu bekannt. Behörden und Polizei halten das Bekennerschreiben laut Berichten für glaubhaft, weil Detailwissen vom Tatort enthalten ist. Der Regierende Bürgermeister spricht von Terrorismus.

Und jetzt kommt der Teil, der bei mir hängen bleibt: Dafür braucht man keinen Hightech Supervirus. Man braucht Wissen, Mut zur (geistigen) Kälte und ein paar Minuten Zeit. Das ist das eigentlich Beängstigende.

Putin, Vermutung und die ehrliche Grenze

Irgendwie vermute ich Russland dahinter. Aber öffentlich gibt es dafür aktuell keine belastbaren Belege. Und ich will da sauber bleiben, weil sonst genau das passiert, was uns gesellschaftlich seit Jahren zerfrisst: Wir erklären Vermutungen zu Tatsachen, weil sie in unser Angstbild passen. Also Stand heute „nur“ ein terroristischer Anschlag.

Was ich aber unterschreibe: Solche Angriffe sind ein Geschenk an jeden, der Grenzen austesten will. Ob das nun Ideologen, Trittbrettfahrer oder fremdgesteuerte Akteure sind. Die Verwundbarkeit ist real, ganz unabhängig vom Täter.

Der Domino Gedanke (Nicht sicher, aber plausibel)

Wenn Großmächte anfangen, sich offener zu nehmen, was sie wollen, dann entsteht eine neue Normalität. Und in dieser Normalität wird Opportunismus belohnt.

Das ist der Punkt, an dem Taiwan automatisch mit im Raum steht. Nicht als Prophezeiung, sondern als Risiko, weil Taiwan in der Chipfertigung eine Schlüsselrolle hat. Der Economist beschreibt Taiwan als Produzent eines Großteils der weltweiten Chips und eines überwältigenden Anteils der modernsten. CSIS ordnet die strategische Abhängigkeit ähnlich ein.

Wenn also mehrere Krisen gleichzeitig laufen, sinken die Schwellen der Versuchungen, nebenbei noch einen “historischen Schritt” zu gehen. Und dann sind wir nicht nur im Krieg der Armeen, sondern im Krieg der Lieferketten, der Energie, der Infrastruktur, der Wahrheit – letztendlich sind wir dann wieder in einem Weltkrieg.

Wir sind so unfassbar gut darin, dumm zu sein

Und damit bin ich bei meinem eigentlichen Wutpunkt: Wir können Krebs therapieren. Wir können Sonden auf Himmelskörper setzen. Wir können Energie aus Wind und Sonne nutzen. Wir könnten eine verdammt gute Zivilisation sein.

Stattdessen bauen wir immer neue Werkzeuge, um einander zu bedrohen, zu bekämpfen, zu töten.

Ganz ehrlich: Stell Dir vor, wir würden auch nur einen nennenswerten Teil der Ressourcen, die in Waffen, Abschreckung, Propaganda und Machtspiele fließen, in saubere Energie, Medizin, Umwelttechnik, Bildung und echte Resilienz stecken. Nicht als PR, sondern als Priorität. Wo wären wir dann heute…?

Drei Zukunftsszenarien

Ich schreibe sie bewusst so, dass man sie aushält, ohne sich selbst damit zu vergiften.

Szenario 1: Das Wahrscheinlichste
Mehr Grenztests, mehr Druck, mehr Rhetorik. Keine durchgehende Apokalypse, sondern ein Zustand aus Dauerstress. Hybride Angriffe werden wahrscheinlicher, weil sie billig sind und Wirkung haben. Bündnisse streiten mehr. Gesellschaften ermüden. Und genau diese Ermüdung ist die neue Angriffsfläche.

Szenario 2: Das Hässliche
Ein Zwischenfall kippt alles. Missverständnis, Überreaktion, Gesichtsverlust, Eskalation. Dann wird aus Rütteln am Fundament ein Riss. Energie und Infrastruktur werden strategische Ziele. Lieferketten brechen. Und plötzlich sind Dinge knapp, die gestern selbstverständlich waren.

Szenario 3: Die Hoffnung, die man sich verdienen muss
Die Mächtigen merken, dass Chaos auch ihre Welt trifft. Dann entsteht Vernunft nicht aus Moral, sondern aus Selbsterhalt. Abkommen, rote Linien, Schutz kritischer Infrastruktur, Investitionen in Resilienz. Nicht romantisch, aber wirksam.

Und was ich daraus mache

Ich werde nicht in Angst leben. Aber ich werde auch nicht so tun, als wäre alles stabil.

Ich lade meine Powerstations. Ich halte Vorräte. Nicht als Panik, sondern als Verantwortung. Und das ist nicht nur mein Bauchgefühl, das ist auch exakt die Richtung, die das BBK mit Ratgeber und Checklisten zur Notfallvorsorge empfiehlt, inklusive Stromausfall, Radio, Powerbank, Vorräten.

Der Rest ist dann der schwerere Teil: Mensch bleiben. Familie. Freunde. Die eigene kleine Welt pflegen. Und sich nicht von Irren, Egomanen und Brandstiftern die Lebensfreude abpressen lassen.

Denn das wäre ihr perfekter Sieg.


Quellen

reuters.com
apnews.com
time.com
ft.com
tagesspiegel.de
zdfheute.de
deutschlandfunk.de
waz.de
bbk.bund.de
economist.com
csis.org

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