In Deutschland wird über Drogen oft so geredet, als wäre Tradition ein Gütesiegel. Bier und Wein gelten als Kultur. Cannabis dagegen wird behandelt, als würde allein sein Geruch schon den Untergang des Abendlandes einläuten. Das ist keine ehrliche Debatte. Das ist Gewohnheit, geschniegelt als Moral.
Dabei ist die nüchterne Lage ziemlich klar: Alkohol und Cannabis sind beide psychoaktive Substanzen. Beide können schaden. Beide können abhängig machen. Beide können Körper, Psyche und soziales Leben belasten. Aber wer so tut, als stünden beide auf derselben Stufe, der erzählt keine Aufklärung, sondern Märchen. Die WHO beschreibt Alkohol als toxische, psychoaktive und abhängig machende Substanz. Weltweit wurden 2019 rund 2,6 Millionen Todesfälle dem Alkoholkonsum zugeschrieben. Alkohol ist außerdem mit mehr als 200 Krankheiten und Verletzungsfolgen verbunden, darunter sieben Krebsarten. Für Deutschland wird die jährliche wirtschaftliche Last auf rund 57 Milliarden Euro geschätzt, davon etwa 16,6 Milliarden direkte Kosten für das Gesundheitssystem.
Damit ist die erste unbequeme Wahrheit ausgesprochen: Wenn es um die gesamtgesellschaftliche Schadensbilanz geht, ist Alkohol das deutlich größere Problem. Nicht vielleicht. Nicht gefühlt. Deutlich. Alkohol tötet mehr, schädigt mehr Organe, belastet das Gesundheitssystem massiver und richtet auch bei Dritten enormen Schaden an, etwa durch Gewalt, Unfälle und riskantes Verhalten.
Die zweite Wahrheit ist genauso wichtig: Cannabis ist nicht harmlos. Wer es dazu verklärt, macht denselben Fehler, nur in die andere Richtung. Cannabis beeinflusst Hirnfunktionen, vor allem Gedächtnis, Lernen, Aufmerksamkeit, Entscheidungsfähigkeit, Koordination, Emotionen und Reaktionszeit. Wer häufig konsumiert, früh beginnt oder hochpotente THC Produkte nutzt, erhöht zudem das Risiko für problematischen Konsum, psychische Probleme und im Einzelfall auch psychotische Symptome.
Der entscheidende Punkt ist aber ein anderer: Die empfindlichste Phase liegt bei beiden Stoffen in jungen Jahren. Beim Cannabis sagt selbst das Bundesgesundheitsministerium recht klar, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 besonders anfällig sind, weil das Gehirn noch reift. THC kann diese Entwicklung beeinträchtigen. Beim Alkohol ist es kein bisschen gemütlicher. Das NIAAA weist darauf hin, dass sich das Gehirn bis weit in die Zwanziger hinein entwickelt und Alkohol diese Entwicklung stören kann. Genau deshalb ist früher Konsum bei beiden Stoffen die eigentliche rote Linie.
Und genau hier wird die politische Debatte unerquicklich. Denn wenn man Jugendschutz wirklich ernst meint, dann müsste er brutal ehrlich sein. Dann müsste die Botschaft lauten: Hände weg von Cannabis in jungen Jahren. Hände weg von Alkohol in jungen Jahren. Maximale Aufklärung. Maximale Prävention. Maximale Konsequenz. Stattdessen erleben wir in Deutschland seit Jahrzehnten einen grotesken Eiertanz. Beim Alkohol drückt man beide Augen zu, weil er gesellschaftlich eingebaut ist. Beim Cannabis spielt man den harten Ordnungspolitiker, obwohl die Gesamtschadenslage deutlich geringer ist.
Besonders absurd wird das in Bayern. Dort fährt die Staatsregierung weiter einen harten Kurs gegen Cannabis. Im Mai 2025 erklärte das Gesundheitsministerium ausdrücklich, der restriktive Kurs bei Cannabis bleibe bestehen. Ende 2025 und Anfang 2026 legte Gesundheitsministerin Judith Gerlach nach und forderte, die Legalisierung möglichst rasch zu korrigieren beziehungsweise für Genusszwecke komplett zurückzunehmen. Gleichzeitig führte der CSU Ortsverband Burghausen in seinem offiziellen Kalender für den 7. Februar 2026 eine „Jugendveranstaltung Bierpong“. Die Passauer Neue Presse beschrieb das als Wahlkampfveranstaltung, die junge Leute ansprechen sollte. Wenn Bayern wirklich nur der Jugendschutz treiben würde, dann müsste derselbe moralische Furor auch beim Alkohol gelten. Tut er aber nicht. Stattdessen lädt ausgerechnet eine CSU Gliederung zu einer Jugendveranstaltung mit Bierpong ein, also einem Trinkspiel mit politischem Etikett. Parallel erklärt dieselbe politische Familie Cannabis weiter zum Feindbild und will die Legalisierung am liebsten wieder einkassieren. Das Problem ist also offenbar nicht jede Droge. Das Problem ist nur die falsche Droge.
Gerade deshalb ist die eigentliche Frage nicht: Warum sollte Cannabis wieder verboten werden. Die ehrliche Frage lautet: Warum wird eine nachweislich schädlichere Droge gesellschaftlich geschützt, während man bei der weniger schädlichen mit moralischer Härte auftritt. Wer Alkohol legal lässt, gesellschaftlich feiert und steuerlich mitnimmt, kann Cannabis nicht gleichzeitig so behandeln, als sei es der große zivilisatorische Feind. Das ist keine stringente Gesundheitspolitik. Das ist Doppelmoral mit Schaumkrone.
Die vernünftigere Debatte müsste deshalb anders laufen. Nicht romantisch. Nicht naiv. Sondern pragmatisch. Harte Altersgrenzen. Harte Qualitätskontrollen. Ehrliche Aufklärung. Frühe Hilfen bei problematischem Konsum. Und beim Cannabis eine politische Ehrlichkeit, die das biologische Risiko dort verortet, wo es tatsächlich am größten ist: vor allem in der Phase, in der das Gehirn noch nicht fertig ausgereift ist. Wissenschaftlich wird diese sensible Zeit grob bis Mitte 20 beschrieben. Wer politisch besonders vorsichtig sein will, kann daraus sogar eine strengere gesellschaftliche Leitlinie ableiten und sagen: Freigabe und Normalisierung allenfalls für Erwachsene deutlich jenseits dieser Phase, also eher ab Ende 20 oder sogar ab 30. Nicht weil 30 eine magische Zahl wäre, sondern weil Vorsicht bei Hirnreifung verdammt nochmal sinnvoller ist als Symbolpolitik.
Und ja, auch das gehört zur Ehrlichkeit dazu: Viele Erwachsene, die Cannabis nicht als Teenager, sondern erst später im Leben nutzen, erleben nicht den apokalyptischen Verfall, den manche Kulturkämpfer so gern an die Wand malen. Manche berichten von besserem Schlaf, mehr Entspannung, weniger innerer Unruhe, besserer Schmerzbewältigung und einem deutlich intensiveren Körpergefühl. Manche merken auch, dass Verlangen und Sexualität sich spürbar verändern können. Das ist keine allgemeingültige Wahrheit und schon gar kein medizinischer Freifahrtschein. Aber es ist Teil der Realität. Nicht jeder erwachsene Konsument wird antriebslos, vergesslich oder abhängig. Auch das muss man sagen dürfen, ohne sofort in die Lagerromantik gedrückt zu werden.
Der springende Punkt bleibt trotzdem: Nur weil Cannabis für viele Erwachsene das kleinere Übel ist, wird es nicht unschädlich. Täglicher Konsum kann problematisch werden. Abhängigkeit ist auch dort möglich. Die CDC warnt ausdrücklich vor Cannabis Use Disorder und verweist darauf, dass problematischer Konsum mit Aufmerksamkeits, Lern und Gedächtnisproblemen sowie sozialen und psychischen Folgen verbunden sein kann. Je früher der Einstieg und je häufiger der Konsum, desto schlechter die Karten.
Mein Punkt ist deshalb nicht, Cannabis schönzureden. Mein Punkt ist, die Maßstäbe endlich geradezurücken. Wenn wir ehrlich wären, würden wir sagen: Alkohol ist die gesellschaftlich akzeptierte härtere Droge. Cannabis ist ebenfalls riskant, aber bei reifen Erwachsenen in der Regel das deutlich kleinere Übel. Die größten Gefahren für beide Stoffe liegen im jungen Alter. Genau dort muss Jugendschutz kompromisslos sein. Bei erwachsenen Menschen dagegen braucht es weniger Ideologie und mehr Vernunft: Aufklärung statt Märchenstunde. Kontrolle statt Schwarzmarkt. Hilfe statt Hysterie.
Vielleicht ist genau das die unbequeme Wahrheit, die viele nicht hören wollen: Nicht jede legale Droge ist die mildere. Und nicht jede politisch geächtete Droge ist automatisch die schlimmere. Manchmal hat eine Gesellschaft sich schlicht an das größere Problem gewöhnt.
Quellen:
- https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/alcohol
- https://www.cdc.gov/cannabis/health-effects/index.html
- https://www.bundesgesundheitsministerium.de/en/themen/cannabis/faq-cannabis-act
- https://www.stmgp.bayern.de/gerlach-stellt-neufassung-der-grundsaetze-der-bayerischen-staatsregierung-zu-sucht-und-4/
- https://www.facebook.com/csuburghausen/posts/gleich-anmelden-dm-reichtpl%C3%A4tze-sind-begrenzt-burghausen-bierpong-csu-kommunalwa/1180208170949228






Schreibe einen Kommentar