Es gibt Gespräche mit den eigenen Kindern, die einen gleichzeitig stolz machen und wütend. Stolz, weil man merkt, dass sie ihren eigenen moralischen Kompass ausgebildet haben. Wütend, weil man sieht, welchen Menschen sie teilweise im Alltag begegnen. Letzte Woche Sonntag hatten wir wieder so einen Moment. Einer von denen, bei denen man zuhört und innerlich denkt: Gut, dass mein Kind das erkennt. Und traurig, dass irgendwer so leben muss.
Sie erzählte von einer Person im Umfeld einer befreundeten Familie. Ein Typ, der so exakt in das Klischee passt, dass man fast glaubt, er sei direkt aus einem bissigen Rocksong (z. B. Deine Cousine – Scheiß auf Ironie)herausgekrochen. Laut, überheblich, dauerverliebt in sein eigenes Spiegelbild. Einer, der sich offen über Frauen, Migranten oder Menschen mit anderer Körperform stellt. Dazu noch stolz auf eine politische Richtung, die eher spaltet als verbindet. Egozentrik als Alltag. Männlichkeit als Pose.
Kurz gesagt: Eine wandelnde Sammlung an Verhaltensmustern, die ich mir für niemanden wünsche.
Das eigentlich Bittere daran ist jedoch, dass es Menschen in seinem direkten Umfeld gibt, die dieses Verhalten auch noch lustig finden oder zumindest für normal halten. Vielleicht, weil sie sich schon so lange daran gewöhnt haben. Und genau da beginnt das eigentliche Problem.
Manchmal macht es mich wütend zu sehen, dass Menschen so leben müssen.
Eingesperrt in Beziehungen, in denen Respekt ein Fremdwort ist und Herabsetzung der tägliche Smalltalk. Das frisst einen auf. Stück für Stück. Erst das Selbstbewusstsein, dann den Mut und irgendwann sogar die Fähigkeit, überhaupt noch zu erkennen, was normal sein sollte. Wer lange genug in so einem Klima steht, merkt irgendwann nicht mehr, dass es stinkt. Man hält die eigene Demütigung für Alltag und die eigene Würde für verhandelbar. Und genau da beginnt der wahre Schaden.
Mein eigenes Kind dagegen spürt sehr klar, was da schiefläuft. Sie kann benennen, warum dieses Verhalten unangenehm, respektlos und schlicht falsch ist. In solchen Momenten wird mir bewusst, wie froh ich bin, dass aus ihr ein unabhängiger Kopf geworden ist. Willensstark, klar denkend, selbstbewusst genug, um toxische Muster zu erkennen, bevor sie Wurzeln schlagen.
Denn toxische Beziehungen beginnen selten mit dem großen Knall. Sie beginnen leise. Mit Sprüchen, die angeblich nur Spaß sein sollen. Mit kleinen Kommentaren, die man schluckt, damit kein Streit entsteht. Mit Menschen, die glauben, sie seien der Mittelpunkt des Universums und anderen, die sich Schritt für Schritt darum drehen, bis ihnen schwindelig wird.
Und dann sitzt da ein junges Mädchen am Küchentisch, legt den Finger in die Wunde und zeigt in einem Satz, wie ungesund diese vermeintlich normalen Beziehungen eigentlich sind.
Ich bin stolz auf sie. Sehr sogar. Mehr als sie wahrscheinlich ahnt.

